Das diebische Vergnügen
(16.11.06, Stern, TV-Beilage)
 
Zum Start der neuen Folgen der Krimi-Komödie "Ein Fall für den Fuchs" erkennt Walter Sittler: Manchmal sollte man Schauspieler besser an der kurzen Leine führen.

"Es kann später werden" hatte er zuvor gewarnt. Als Walter Sittler (53, "girl friends", "Nikola") um 21 Uhr zum Interview erscheint, liegt ein 14-Stunden-Drehtag hinter ihm.

Tapfer, dass Sie nach diesem Tagespensum noch zum Interview kommen.
Versprochen ist versprochen.

Stimmt also der Eindruck, den einige Journalisten über Sie verbreiten, dass Sie so aufopferungsvoll und edelmütig sind wie eine Mutter Teresa?

Ich bin weder Mutter noch Teresa, insofern ist das gänzlich falsch.

Offensichtlich erliegen aber alle Ihrem Charme...
...und Sie wollen den "wahren" Sittler finden. Also, dann fangen Sie mal an!
Fangen wir mit der neuen Folge von "Ein Fall für den Fuchs" an: Darin spielen Sie wieder den biederen Antiquitar Max Kerner, der als Meisterdieb "Fuchs" Reiche bestiehlt, um den Armen zu geben. Dazu ziehen Sie alle Register der Täuschung. In der Folge "Über den Dächern von Frankfurt" etwa verkleiden Sie sich als indischer Maharadscha...
Schade, dass Sie nur den gesehen haben.

Wieso schade? Finden Sie den etwa auch so überdreht?
Mag sein, dass wir ein wenig zu dick aufgetragen haben. Das Buch bot mit vielen Verkleidungen und Verwechslungen aber auch viel Stoff dafür.


Und dann geht der Komödiant mit Ihnen durch? Merken Sie eigentlich schon beim Dreh, dass es zu doll wird?
Ob es zu doll ist, wird sich noch herausstellen. Man kann bei einer Komödie ruhig mal überziehen, aber das ist nicht der grundsätzliche Stil des "Fuchs". Bei aller Komödie muss es spannend und glaubwürdig bleiben.

Wie viel Einfluss haben Sie auf die Drehbücher?
Bei einer anderen Folge habe ich zum extremsten Mittel gegriffen, das ich habe: Ich habe meine Teilnahme im Vorfeld abgesagt, weil das Drehbuch nicht die Qualität hatte, die ich richtig und wichtig finde. Daraufhin gab es ziemlichen Wind, hektische Telefonate - und das Buch wurde umgeschrieben. Normalerweise aber hängt es von meiner Überzeugung ab, wie viel ich einbringen kann, mal mehr, mal weniger. Dabei geht es nicht um Eitelkeit, nicht um eine Vergrößerung der Rolle oder so was, sondern immer um die Geschichte, das Buch.

Wie hart kann der nette Herr Sittler werden, wenn er sagt: "Das spiele ich nicht!"
Ich sage es so, dass meine Gegenüber wissen, dass Nachhaken sinnlos ist - freundlich, aber kompromisslos. Vorher allerdings überlege ich ausführlich, warte dann noch eine Weile, und wenn das Nein Bestand hat, dann ist es auch ein Nein.

Lernt man zwangsläufig, seinen Willen kompromisslos durchzusetzen, als Jüngstes von acht Geschwistern?
Ich habe es mühsam gelernt. Ich habe schon so einige Sachen gemacht, bei denen ich ein Nein fühlte, aber es nicht gesagt habe, leider. Als Jüngster dachte ich immer, die Älteren wissen besser, was los ist, die haben viel mehr Erfahrung - das stimmt aber nicht immer. Nicht nur in der Familie ist das so.

Wie viele Schwestern haben Sie und wie viele Brüder?
Drei Schwestern, vier Brüder, aber davon ist einer vor dreißig Jahren gestorben. Wir sind also noch sieben, immer abwechselnd Junge, Mädchen, Junge, Mädchen, Junge, Mädchen, Junge. Ich hätte ein Mädchen werden sollen. Vielleicht bin ich eins, ich weiß es nicht...

Mit 1,94 m und Schuhgröße fünfzig?
(lacht) Erwischt.

Sie behaupten von sich, Sie hätten nicht viel Ehrgeiz. Mal angenommen, es hätte mit der Schauspielschule nicht gleich geklappt, wären Sie nochmal zur Prüfung hingegangen?
Nein, ich war mir nie sicher, in dem, was ich tue. Ich dachte nie: "Ich muss Schauspieler werden. Ganz egal, was die Prüfer sagen." Ich beneide Kollegen, die diese Klarheit haben. Ich hätte alles Mögliche machen können. Wenn ich rechtzeitig einen Medizinstudienplatz bekommen hätte, wäre ich jetzt wahrscheinlich Chirurg. Oder ein unglücklicher Assistenzarzt, falls ich es nicht zum Chef gebracht hätte. Eine Zeitlang dachte ich, ich könnte Pilot werden, aber dafür bin ich zu groß. Nach der Schule habe ich erst mal Wehrdienst geleistet, dadurch konnte ich die Entscheidung aufschieben.

Länger als Sie mussten?
Ich wollte Geld verdienen! Wir hatten nie viel davon zu Hause. Mein Bruder war schon Zeitsoldat gewesen, und da dachte ich, das mache ich auch. Damals musste man 18 Monate beim Bund bleiben, wer sich für 21 Monate verpflichtete, wurde ungleich besser bezahlt. Ich war Z2, also Zeitsoldat für 2 Jahre - ich wusste ja nicht, was ich sonst hätte machen sollen.

Was waren Sie bei der Bundeswehr?
Fußgänger. Im Wald. Immer da, wo nichts mehr fährt, waren wir. Ich kenne die Wälder Nordhessens mit Vornamen, ich war bei den Jägern. Wir hatten Panzer, fuhren, bis es nicht mehr ging, dann stiegen wir aus und gingen zu Fuß.

Auf der Suche nach?
Feind rot. Wir waren blau.

Kamen Sie sich bescheuert vor?
Nicht gleich - dann schon. Nach 20 Monaten oder so. (lacht) Ich sag' doch, bei mir dauert alles etwas länger. Ich halte es übrigens für einen Irrtum, eine Wehrpflichtarmee zu haben. Wenn es unbedingt nortwendig scheint, sollte ein demokratischer Staat eine Berufsarmee haben. Im Notfall melden sich genügend Freiwillige. Ich glaube, das ist immanent wichtig in einer Gesellschaft, die funktioniert, dass die Menschen sie erhalten wollen, wenn sie bedroht ist.

Was kam nach den Jägern?
Ich war 21 und bin für ein Jahr nach Lima gegangen, wo meine Schwester lebte. Ich hab dort in verschiedenen Firmen gearbeitet. In dem Jahr starben mein Bruder und mein Vater, innerhalb von sechs Monaten. Nach der Beerdigung meines Vaters wollte ich dann nicht mehr zurück.

Wer ist zuerst gestorben?
Mein Bruder. Das hat meinem Vater das Herz gebrochen.

Und Ihre Mutter?
Sie hat gesagt, eigentlich kann man das nicht ertragen, aber meine Mutter ist sehr stark. Jetzt ist sie 89 - und immer noch sehr hart mit sich.

Erkennt Sie an, was Sie tun?
Sie fand es schön, als ich am Theater war, das hat ihr gefallen. Als es dann mit den Serien losging, fand sie das anfangs nich so doll. Da hieß es dann immer: Machst du schon wieder so einen Kitschfilm?

Mit was können Sie ihr imponieren? Mit 21 Jahren glücklicher Ehe, mit Ihren drei Kindern?
(grinst) Wenn ich sie mit unserem Phaeton zum Mittagessen abhole.

Nobel, nobel.
Nur kein Neid. Nur kein Neid. Der gehört VW. Wir dürfen ihn nur für eine Zeitlang fahren.

© 2006 Stern; Susanne Sturm