Der Fernsehliebling Walter Sittler kehrt ans Theater
zurück - und reist mit einem Kästnerabend durch die Lande
Nach vielen Jahren vor der Kamera kehrt der Schauspieler Walter Sittler
auf die Bühne zurück. Im Theaterhaus gastiert er von heute an
mit einem Programm, das von Erich Kästners Roman "Als ich ein
kleiner Junge war" inspiriert ist. Adrienne Braun hat mit ihm gesprochen.
Haben Sie immer Löcher in den Socken?
Hab ich Löcher in den Socken?
Man stößt immer wieder auf ein Foto aus "Trau niemals
deinem Schwiegersohn", da sitzen Sie auf dem Sofa mit einem dicken
Loch in der Socke.
Ehrlich? Das kann passieren.
Sie gelten als perfekter Hausmann. Stopfen Sie da nicht auch Ihre
Socken?
Strümpfe stopfen tue ich schon eine Weile nicht mehr. Wenn ein Loch
drin ist, tun wir sie weg, es sei denn, das Loch ist sehr klein.
Aber Sie können Socken stopfen?
Ja, kann ich. Ich habe auch gerade erst das Bügeleisen ausgestellt,
weil ich noch das Kostüm für heute Abend bügeln muss. Aber
Sie sind dazwischengekommen.
Ihr eigenes Kostüm?
Ja. Das ist eine kleine Produktion, wir machen die Sachen selber.
Wenn man länger am Theater war, dann kann man das auch.
Nach Ihren großen Erfolgen im Fernsehen machen Sie jetzt mit
Erich Kästners Buch "Als ich ein kleiner Junge war" eine
kleine Bühnenproduktion. Wie kommt's?
Wir dachten, in dieser ganzen Hektik, wo immer alle sagen:"Super,
grandios, Wahnsinn, spitze, hervorragend", machen wir mal einen Abend,
bei dem sich nicht nur einer um sich selbst dreht. Kästner beobachtet
sehr genau und beschreibt, was in der Welt los ist. Viele von den großen
Shows schütten dich einfach zu, wollen dich beeindrucken, ganz toll
sein. Wir wollen auch gut sein, aber wir wollen, dass die Zuschauer es
begreifen.
Was begreifen?
Den Text. Dass sie sich selbst begreifen. Im Theater wird man ja im besten
Fall in sich selbst mitgenommen und sagt: Ja, so ist das Leben.
War es eine Umstellung, nach all den Jahren wieder solche Massen von
Text lernen zu müssen?
Es war spannend zu sehen, ob es noch geht. Und man stellt fest, dass
es geht. Es ist wie Fahrradfahren, man ist zwar nicht ganz so sicher am
Anfang, aber es ist kein Problem. Der Text ist nie das Problem, weil die
Wörter immer dieselben sind. Nur die Verbindungen sind anders.
Trotzdem ist es eine Menge Text.
Der Text ist nur am Anfang eine Masse. Danach gibt es eine Struktur, und
es ist wie ein Gang durch einen Garten. Da weiß man genau, jetzt
kommt diese Biegung. Es kann sein, dass ich eine Biegung verpasse, aber
den Garten nicht.
Haben Sie eine Souffleuse?
Nein, wir haben eine andere Methode gefunden, die ich aber nicht verrate.
Auf jeden Fall nicht elektronisch.
Wie fühlt man sich denn so allein auf der Bühne?
Ich habe das noch nie in dieser Form gemacht. Man denkt immer, allein
spielen ist das Tollste für die Schauspieler. Das stimmt gar nicht.
Aber diesen Text mag ich sehr, er liegt mir auch. Die Herausforderung
ist das, was man will. Wenn man oft auf einen Dreitausender gestiegen
ist, kann man auch mal auf einen Fünftausender steigen. Das ist jetzt
für mich ein Fünftausender. Dann gibt es noch die Sechstausender,
die Achttausender, die kommen vielleicht noch.
Fühlen Sie sich als Bühnenschauspieler im Fernsehen eigentlich
nicht unterfordert?
Das ist etwas ganz anderes, man kann das nicht vergleichen. Es ist viel
mehr Improvisation. Man hat nicht so viel Zeit, zu proben und zu ändern.
Man ist vorbereitet, springt rein und segelt so durch, das ist auch sehr
spannend. Ich selber habe im Fernsehen so viel zu tun, dass man von Unterforderung
nicht sprechen kann. Wenn man nur fünf Drehtage im Jahr hat, kann
man nicht davon leben, finanziell nicht und künstlerisch nicht.
Hat Sie das Fernsehen verändert?
Ja. Wenn man so viele Rollen spielen darf und häufig auch die zentralen
Rollen, ist es sehr angenehm. Das ändert aber nichts daran, dass
ich vor einem Abend wie heute das gleiche Lampenfieber habe wie vor zwanzig
Jahren.
Jetzt werden Sie richtig tingeln.
Ja, Dresden, Jena, Stuttgart, Ditzingen, Fulda, Kiel, Düsseldorf,
Augsburg.
Ein richtiger Knochenjob...
Tja, Augen auf bei der Berufswahl. Aber das ist sehr schön. Ich
bin gespannt.
Wollen Sie jetzt wieder häufiger Theater machen?
Nee, ich hab ja kein eigenes Theater, ich bin darauf angewiesen, dass
mich jemand fragt. Ich sitze nicht herum und hoffe, dass jemand kommt,
damit ich Theater spielen kann.
Sie sind ein Mann in den besten Jahren, Sie haben genug Aufträge.
Bietet Ihnen die Rückkehr zum Theater vielleicht auch eine Perspektive
für die Zukunft? Oder gibt es im Fernsehen genug Rollen für
Sie?
Die Perspektive ist für uns immer da, weil wir älter werden
und neue Rollen dazu kommen. Es fallen welche weg, und es kommen neue
dazu, für die man endlich alt genug ist. Insofern gibt es die Perspektive
immer, solange man bei Verstand bleibt. Aber das Theater hat einen großen
Vorteil: Man braucht außer Zuschauern und ein paar Schauspielern
nichts. Sie können in jedem Wohnzimmer Theater spielen, auf der Straße.
Sie rollen einen Teppich aus, und schon haben Sie eine Bühne. Ob
die Leute das sehen wollen, kann man natürlich nicht sagen. Deshalb
muss man immer schauen, wie die Gesellschaft sich entwickelt, was gerade
dran ist. Es nützt nichts, dass sie etwas Tolles machen - und kein
Mensch will es sehen.
Aber da brauchen Sie sich doch keine Sorgen zu machen. Man will Sie
offenbar sehen. Woran liegt das?
Ja, das läuft ganz gut. Vielleicht weil ein Maß an Glaubwürdigkeit
dabei ist, das die Leute mögen. Ich finde das, was man tut, wichtiger
als das, was man sagt. Ich weiß, das ist gänzlich altmodisch,
das ist mir aber wurscht. Es wird immer etwas gesagt und das Gegenteil
getan, das sieht man ja jeden Tag in der Politik.
Was genau tun Sie denn?
Nicht so viel quatschen. Das, was ich sage, ist das, was ich meine, und
nicht das, was die anderen hören wollen. Ich halte dieses sehr schnelle
Drehen um sich selbst für problematisch. Einige verlieren da den
Verstand.
Auch das Fernsehen gibt dieses Tempo vor.
Es kommt drauf an, wie man damit umgeht. Das Fernsehen ist ja nicht das
Leben. Es versucht bestenfalls, Teile des Lebens nachzuahmen.
Die Schnelllebigkeit ist doch ein Wesensmerkmal des Mediums Fernsehen.
Das muss ich ja nicht übernehmen. Ich weiß, wir machen einen
Film, der wird ein- oder zweimal ausgestrahlt, und dann verschwindet er
in der Versenkung. Oder wir machen ein Theaterstück, spielen es ein
Jahr lang - und dann verschwindet es auch in der Versenkung. Das ist mein
Beruf. Im Fernsehen gibt es wenig, was übrig bleibt.
Haben Sie je etwas gemacht, das für immer gut sein könnte?
Die Beurteilung überlasse ich anderen. Das kann ich nicht sagen,
weil ich da befangen bin. Aber es ist schon so: Im Fernsehen bleiben nur
ganz wenig Sachen übrig.
Unsereiner freut sich über ein kleines Kompliment, bei Ihnen
scheinen immer alle zu frohlocken. Sie waren Fernsehliebling 2005. Ihnen
wurde "Eleganz der Bewegungen" und "bezwingende männliche
Erotik" attestiert. Schweben Sie da nicht ständig auf Wolke
sieben?
Ich war sehr lang am Theater und weiß, dass Erfolg mit das Kurzlebigste
ist, was es gibt. Es ist schön, dass es so ist, und bestärkt
mich auch in der Arbeit, die wir machen. Aber die Arbeit ist immer wieder
neu, und wenn etwas in den Medien besprochen wird, sind wir schon wieder
an neuen Projekten. Es ist nicht so, dass ich denke: Ich bin so toll,
ich kann machen, was ich will, die fressen alles. Sondern ich muss auch
immer schauen, dass es gut wird. Wenn man den dicken Erfolgshintern bekommt,
dann ist es aus.
Vorstellungen heute und morgen, am 11., 15., 16. Dezember sowie am 20.
Januar im Theaterhaus Stuttgart.
© Stuttgarter Nachrichten; Adrienne Braun
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