Menschen der Woche
(SWR, 05.02.05)
 
Frank Elstner: Sie kennen ihn, er ist ein wunderbarer Schauspieler, er ist der Mann, der Mariele Millowitsch immer küssen darf.

Es folgen einige Szenen mit Ausschnitten aus "girlfriends" und einigen Szenen, die für das SWR Kulturcafe gedreht wurden.

Off: Seit Jahren ist er Hoteldirektor Ronaldo Schäfer in "girlfriends" und für "Nikola" setzte er noch den Doktor drauf. Walter Sittler hatte vor seiner Schauspiel-Ausbildung den Berufswunsch Arzt. Jetzt behandelt er immerhin auf der Mattscheibe und bildet sich macnhmal im echten Krankenhaus fort. Neben Film und Fernsehen spricht und rezitiert er gerne, für Kinder auf der Bühne oder wie hier im Studio Ringelnatz für eine CD-Produktion.

F. Elstner: Hier ist er, Herzlich Willkommen, Walter Sittler. (Walter kommt rein, wird mit viel Applaus empfangen) Hallo Herr Sittler.

Walter: Ich freue mich sehr.

F. Elstner: Ich freue mich auch. Ich hatte den Schuldirektor von Salem hier und hab ihn natürlich gefragt, ob er Sie noch als Schüler kannte, aber das war vor seiner Zeit. Haben Sie gehört, was er eben über Salem gesagt hat?

Walter: Nicht alles, denn ich war ja hinter der Bühne und da war der Lautsprecher nicht so gut.

F. Elstner: Aber das, was Sie gehört haben... könnten Sie das unterstreichen?

Walter: Ja.

F. Elstner: Waren Sie da gerne?

Walter: Ich war gerne da. Ich war ja in drei verschiedenen Internaten und von den Internaten war das vom Curriculum her das Beste. Was ich in Salem, aber auch in allen anderen Internaten, in denen ich war, vermisst habe, war die emotionale Sicherheit, die man als Jugendlicher braucht, um überhaupt das ganze Zeug zu lernen. Um sich überhaupt so zu entwickeln. Das ist ein ganz schwieriger Punkt, ich weiß auch nicht, wie man das lösen kann. Und das war in Salem letztlich genauso wenig vorteilhaft geregelt, wie in den anderen Internaten auch.

Walter, Menschen der Woche, SWR

Walter, Menschen der Woche, SWR
F. Elstner: Es fehlte vielleicht ein bisschen Nestwärme?

Walter:
Sagen wir so... in meiner Schulzeit, das waren noch die ausgehenden 68er haben sich einige geweigert Vorbilder zu sein, weil man dachte, Vorbild ist was Schlechtes. Und Bildung ist toll, aber weil es in der deutschen Geschichte Vorbilder gab, mit denen es so schief gegangen ist, haben sie das verweigert. Es geht aber nicht. Weil der Lehrer automatisch Vorbild ist, das kann man gar nicht vermeiden.
Und in der ersten Schule, in der ich war, im ersten Internat in Berchtesgaden, da hatte ich einen ganz wunderbaren Mentor, der war ein Vorbild. Der war gar kein Lehrer, der war nur mein Mentor. Der war ganz wunderbar, wie er mit uns umging. Und in Salem gab's dann auch welche, aber es war sehr konzentriert aufs Lernen. Und wenn man das so stark konzentriert, ist das ein Fehler, man verpasst etwas an den Kindern, etwas was sie befähigt noch viel mehr und weiter und größer zu lernen, als sie es ohnehin schon können.

F. Elstner: Ich bin ganz sicher, Sie haben nachher noch ein schönes, interessantes Gespräch mit dem Chef von Salem...

Walter: Ja, ich glaube auch.

F. Elstner: Herr Sittler, ich hab mich mit Ihrem Leben natürlich beschäftigt, wenn ich einen Gast einlade. Und muss sagen, wenn ich Ihren Lebenslauf sehe, dann beneide ich Sie ein bisschen.

Walter: Ich hab sehr viel Glück gehabt, ja.

F. Elstner: Sie haben so viele Sachen erlebt. Sie kommen aus einer Großfamilie mit acht Kindern. Der Vater kommt aus einer Großfamilie. Die Geschwister hat es in die ganze Welt verschlagen. Sie waren in Lima bei der Schwester. Es ist einfach immer bei Ihnen irgendetwas los gewesen. Und zu Ihrem Beruf kamen Sie durch Zufall, was ja keiner glaubt. Können Sie uns das schildern?
 
Walter: Um mal wieder mit Salem anzufangen: Man lernt viel, man kann alles Mögliche als Abiturient.. nur was soll man damit anfangen? Ich hatte nie so diese Vision: Das mache ich, ich werde das oder das. Ich habe alles Mögliche ausprobiert und nichts ging richtig vorwärts. Ich hab viel gemacht, ich hab am Krankenhaus gearbeitet, ich hab als Gasthörer studiert, ich hab alles Mögliche gemacht und dann kam ich eines Tages in die Schauspielschule zu einem Fest und dachte: Wow! Das ist doch toll. Das ist doch toll. Hier kann man spielen und hier kann man das ausleben, was man denkt. Man kann den Leuten Geschichten erzählen, das ist doch toll, das mache ich. Da war ich schon 25, also ich hab sehr spät angefangen. Und dann ging das los und ich hab dann einfach nicht aufgehört damit.

F. Elstner: Und jetzt sind Sie so eine richtige Künstler-Familie. Ihre Frau ist Choreografin und eine Tochter spielt jetzt, glaube ich, auch schon Theater...
Walter, Menschen der Woche, SWR

Walter: Ja, die Jenny, die Älteste, hat in einem Film schon mitgespielt, in der "Wüstenrose", das lief im ZDF. Und die Lea hat für verschiedene Hochschul-Filme in Ludwigsburg gespielt, die wird Musikerin dann irgendwann. Das liegt vielleicht in der Familie, weil es auf der Seite meiner Frau auch sehr viele Kinder sind, sie hat sechs Geschwister, die viel mit Musik zu tun haben. Und meine Frau schreibt auch, also das gehört irgendwie zur Familie dazu. Dass man sich ausdrückt, dass man versucht, das, was man in der Welt sieht und an Geschichten und Beziehungen erkennt, zu beschreiben und zu sagen: Schaut mal, so ist die Welt.

 
Walter, Menschen der Woche, SWR
F. Elstner: Sie haben eine Frau aus dem Schwarzwald geheiratet.

Walter: Ja, (er schaut zu Sigrid ins Publikum) da ist sie.

F. Elstner: Ein richtiges Schwarzwald-Mädel. Und Sie bezeichnen Stuttgart als Ihre Heimat. Aber ich sage mal, die großen Metropolen, wo die Geschäfte in Ihrem Beruf gemacht werden, das ist München, das ist Berlin, das ist New York. Zieht es Sie da nicht hin?


Walter: (überlegt) Ich bin ein sehr intensiver Familienmensch. Und da, wo die Familie ist, da ist das Zuhause. Und nun bin ich schon 17 Jahre in Stuttgart, so lange war ich noch nie irgendwo ansässig. Und da die Familie das Wesentliche ist, ist es letztlich egal, wo das andere ist. Im Beruf wäre es besser ich wäre in Berlin vielleicht oder in Köln. Aber in meinem Leben war das so: es ist dann schon zur richtigen Zeit so geworden. Und jedes Mal wenn ich gesagt habe: Ich muss dahin, weil das ist das Wichtigste, dann hab ich etwas übern Zaun gebrochen und dann ist es schief gegangen. Und diese Erfahrung habe ich mehrfach gemacht und deswegen mach ich nicht mehr.
 
F. Elstner: Und wenn jetzt z.B. Ihre Frau ihre Rollen sieht und sieht, wie inniglich Sie Mariele Millowitsch küssen... Was gibt es dann für Diskussionen zu Hause?

Walter: Gar keine. Gar keine, denn meine Frau ist die Frau, die ich liebe. Und das weiß sie. Und deswegen... das andere ist die Rolle. ICH küsse ja nicht Mariele, sondern Dr. Schmidt oder früher Ronaldo Schäfer. Das ist ganz einfach.

F. Elstner: Ich habe jetzt an Sie Herr Sittler eine große Bitte. Ich hab mich vorhin ein bisschen verplaudert, als es um den Wirtschaftsstandort Deutschland ging...

Walter: Ich hab das gesehen...
Walter, Menschen der Woche, SWR

F. Elstner: Meine Sendezeit ist jetzt zu Ende. Ich würde Sie aber herzlich bitten, das wir das Gespräch zu Ende führen können, wenn Sie nichts dagegen haben hier meine Damen und Herren. Während ich unseren Zuschauern schon mal zu Hause auf Wiedersehen sagen möchte...

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