Star und Zweifler
Ein Film von Irene Klünder
(28.03.07, SWR)
 


Off: Er eilt von Dreh zu Dreh.

Gezeigt werden die Dreharbeiten zu "Der Kommissar und das Meer" in Schweden im Sommer 2006


Off: Ein Filmstar in Deutschland. Ein traumhaftes Leben?

Walter Sittler

Walter Sittler

Walter: Immer wieder denke ich: "Hätte ich doch bloß was Ordentliches gelernt! Dann könnte ich jetzt daheim sein." Und manchmal hab ich schon das Gefühl, dass die Filmerei absurd ist. Aber wenn ich mich umschaue, was überall passiert, dann denke ich, ist Filmerei noch geradezu friedlich und freiheitlich.
Für mich ist es so, dass wir versuchen in unseren Filmen ein Konzentrat von Beziehungsmöglichkeiten zu spielen. Und wenn uns das gelingt, dann haben wir den Menschen eine Geschichte zu erzählen und darum geht es. Und wenn wir das können, ist das gar nicht absurd, sondern sehr sinnvoll.

Off: Die Stille vor dem Dreh, die Stille danach. Ein Leben in Hotelzimmern. Ein rastloses Leben von klein auf. Das wird so bleiben. Als jüngstes von acht Kindern wird Walter Sittler 1952 in Chicago geboren. Der Kleinste, das Nesthäkchen. Ende der 30er Jahre hatte sich seine Mutter Margarethe im Auswärtigen Amt in Berlin beworben als englischsprachige Sekretärin. Ein hochgebildeter Amerikaner – Edward Sittler – führte mit ihr das Vorstellungsgespräch.

M. Sittler: Ich hatte sofort das Gefühl: das ist das Richtige. Als er kam, wusste ich das einfach. So wie ein Blitz einen trifft. Seine ganze Art zu gehen, seine lässige Art und diese Leichte, dieses Amerikanische, das mir so gefiel.

Off: Gegen den Widerstand ihrer Eltern heiratet sie Edward Sittler. Er arbeitet für die Nationalsozialisten und macht im Radio in englischer Sprache Propaganda.

Walters Mutter

M. Sittler: Er hatte eine idealistische Vorstellung Amerikas und eine idealistische Vorstellung Deutschlands. Dieser Aufbruch hat ihm so gefallen. Für junge Leute war es keine schlechte Zeit damals, das muss man ganz einfach auch zugeben trotz allem Entsetzlichen, was wir dann auf uns geladen haben.

Off: Nach dem Krieg emigriert die Familie nach Amerika. Dort kommen nach den vier in Deutschland geborenen Kindern noch mal vier – zuletzt Walter – auf die Welt. „The three little ones“ nennen sich die drei unzertrennlichen Jüngsten.


Sittler Kinder 1
Sittler Kinder 2

Walters Schwester

Margaret: Ich bin vier Jahre älter als Walter, also vom Ältesten her gesehen die Nr. 6 und wir waren immer die drei Kleinen. Das heißt: früher zu Bett gehen und lauter solche Sachen. Und eigentlich auch immer zusammen spielen. Walter hatte eine Phase, wo er unsere Heulboje war. Wo er dann heulend zu meiner Mutter ging und sie nannte sich dann seinen "crying post". Und dann war's wieder gut. Dann hat er sich ausgeheult und war wieder gestärkt und dann kam er wieder zurück. Es ist ja auch schwierig der Jüngste zu sein bei so vielen Geschwistern.

Off: Das Geld ist knapp. Immer wieder verliert der Vater seine Arbeit als Lehrer, wenn seine NS-Vergangenheit offenbar wird. Die Mutter treibt immer wieder Geld auf, zum Beispiel mit Werbung.

Margaret: Da hat sie sich auch oft mit meinem Vater gestritten, weil die Situation so unsicher war. Wo kommt der nächste Liter Milch her? Das nächste Brot? Wie soll ich diese acht Kinder durchbringen? Und er hat dann immer gesagt: "Sorge dich nicht um das Morgen. The Lord will provide." hat er immer gesagt. Also einfach glauben, vertrauen, es wird schon weitergehen.


Off: "The Lord will provide." - Der Herr wird's geben. Gottglaube spielt in der Familie eine große Rolle. Walters Großvater war Pfarrer. Auch sein Vater Edward wollte Pfarrer werden, studierte dann aber Sprachen. Gebildet zu sein – mit der größte Wart in der Familie. Kaum ist Walter aus dem Gröbsten raus, beginnt auch seine Mutter zu studieren. Das schmerzt den Jüngsten.

M. Sittler: Der Walter hat immer behauptet, er hätte nicht genügend Zuwendung gehabt, weil wir immer für die ganzen Probleme mit den älteren Geschwistern, da gewesen wären und er lief nur so nebenbei noch dazu. Das hat mich immer sehr geschmerzt, dass er mir das mal sagte, als er groß war.

Walters Mutter

Walters Schwester

Margaret: Meine Mutter war nicht unbedingt so eine Kuddel-Mutter, die uns oft in den Arm genommen hat. Das musste funktionieren. Bei acht Kindern ist das ja auch verständlich. Vielleicht hatte er das Gefühl: er ist das Schlusslicht und kriegt am wenigsten ab.

Off: Ende der 50er Jahre kehrt die Familie nach Deutschland zurück. Auch hier wird alles für die Bildung der Kinder getan, obwohl das Geld sehr knapp ist. Nach mehreren Internats-Wechseln wird Walter Sittler Stipendiat in Salem, wo er Abitur macht. Er will Medizin studieren, bekommt aber keinen Studienplatz. Arbeitet erst mal als OP-Pfleger. Mitte der 70er Jahre wendet sich sein Leben. Er geht mit einem Freund zu einem Fest an der Falckenberg-Schule, einer Schauspielschule in München.

Walter: Als ich zu diesem Fest in die Schauspielschule kam, da sprang mich die Atmosphäre so an, das war so lebendig. Der Umgang miteinander war ganz anders als ich es gewohnt war. Ich hatte zwei Jahre im Krankenhaus gearbeitet in einer ganz starren Hierarchie und da waren die Chefärzte und die Ärzte und die Assistenzärzte und die Schwestern und die Pfleger und die Unter-Pfleger, zu denen ich gehörte. Und ich mochte die Hierarchie eigentlich nicht besonders.
Und das hat mich sehr angezogen und ich dachte „Das ist ja toll, da ist jeder Einzelne so wie er ist und er wird wahrgenommen und er ist wichtig“. Und dann dachte ich, „Wenn ich Schauspieler werde, kann ich immer das tun, was ich will.“ Ich hatte eben noch keine Ahnung, wie das geht. Aber im Prinzip war es der Umgang miteinander, der mir so wahnsinnig gut gefallen hat.

Walter Sittler

Off: Er wird Schauspieler, hat Theater-Engagements und steht in einem seiner ersten Filme mit der großen Schauspielerin Karin Baal vor der Kamera. [gezeigt werden ein Ausschnitt aus "Der letzte Gast"]. 20 Jahre später. Inzwischen ist Walter Sittler ein gefeierter Star. Hier zu Dreharbeiten zur ZDF Produktion "Der Kommissar und das Meer". [gezeigt werden Aufnahmen von den Dreharbeiten zu "Der Kommissar und das Meer"] Die Leidenschaft für seinen Beruf ist größer denn je. Denn im Spiel kommt er sich selbst nah.

Walter:
Das Schöne an meinem Beruf ist: Es ist so lebendig, wenn man es spielt und wenn es gut ist. Wenn man ein gutes Buch hat und gute Partner, dann fühlt sich das irrsinnig lebendig an. Das heißt, das, was uns Menschen ausmacht - dass wir Gefühle haben, dass wir ein Herz haben - darf ich dauernd machen und das ist sehr intensiv, das fühlt sich sehr gut an.

Off:
Die Kehrseite: ein rastloses Leben. Früher als Kind, heute als Schauspieler. Seit 20 Jahren verheiratet ist er oft weit weg von der Familie, die Liebe in der Ferne. Der Trubel, die Kollegen lenken ab, aber sie trösten nicht. Und so sucht er bisweilen die Einsamkeit.


Sigrid Sittler

Walter: Einsamkeit ist manchmal auch gut, weil man mit sich selbst konfrontiert wird und das mag ich eigentlich ganz gerne, weil es mir Aufschluss geben kann, wo ich gerade bin. Aber es ist wie mit allem anderen auch, wenn zu viel davon über einen kommt, zu viel Einsamkeit, dann schmerzt das. Es tut weh, weil da, wo ich sein möchte, bin ich dann nicht und das ist bei der Familie. Und das ist eigentlich das, was ich für mich sehr wichtig finde und da kann ich nicht so viel sein, wie ich möchte.

Sigrid: Ich hab den Walter kennengelernt, da war ich schon fast 30 und bevor ich ein Wort mit ihm gesprochen habe - das war auf einer Veranstaltung - ist da was passiert. Und dann haben wir uns kennengelernt und irgendwie war sofort klar. Liebe auf den ersten Blick klingt ein bisschen kitschig, aber das war's.

Off: Nur wenige Monate später heiraten die beiden. Es ist nicht nur die Liebe, die sie verbindet. Sigrid Sittler hat sechs Geschwister. Beide stammen also aus kinderreichen Familien mit deren Besonderheiten.


Sigrid: Aus einer so großen Familie zu kommen, dass heißt automatisch Rücksicht zu nehmen. Der Einzelne ist einfach nicht so wichtig bei sieben oder acht, das ist einfach so. Man stellt sich selbst nicht so in den Mittelpunkt. Und es kann durchaus sein, dass ich bei unseren eigenen Kindern, bewusster darauf geachtet habe, dass man die Dinge, die sie tun bemerkt und nicht überbemerkt, denn das finde ich auch falsch. Aber dass man sie wahrnimmt , sie sieht und sie dadurch hoffentlich in ihren Stärken noch bestärkt und in ihren Unsicherheiten hilft, diese zu überwinden.

Off: Die Töchter von Walter und Sigrid Sittler. Jenny und Lea-Marie. Eine glückliche Familie. Sicherlich auch weil für die Töchter und ihren Bruder Benedikt anderes zählt als der Ruhm des Vaters.

Jenny und Lea Sittler

Jenny Sittler

Jenny: Wir haben von unserem Vater gelernt... dass es gut ist zu reden. Und dass man es sich auch nicht verkneifen muss. Und manchmal denkt man, es ist ein bisschen peinlich, wenn man so hingeht und sagt: "Können wir hier jetzt bitte mal eine Gesprächsrunde machen" (die beiden lachen). Aber ich hab für mich jetzt auch so gemerkt: das habe ich von ihm gelernt. Reden bringt's einfach.
Die Kehrseite in so einer harmonischen Familie ist eben, dass man den Riesenschock kriegt, wenn man in die Welt rauskommt, weil man nicht versteht, warum das da nicht funktioniert. Warum verstehen die nicht, was ich denen verklickern will, wie es funktioniert mit Harmonie? Und man kriegt halt nicht so viele Ecken und Kanten, man ist eher so ein bisschen... man ist dadurch dann sehr verletzlich.


Lea: Ich hab von ihm gelernt zu organisieren. Wenn er zum Beispiel seinen Koffer packt, packt er immer alles so perfekt und das hat er uns beigebracht. Er hat uns beigebracht, Koffer perfekt zu packen, wir kriegen ganz viel in den Koffer rein. Er hat uns beigebracht, perfekt einen Schlafsack zusammenzurollen. Das ist alles ganz einfach, man macht's immer nur so schwer.

Jenny: Was ich noch von ihm gelernt hab, ist noch ein bisschen abstrakter zu sagen: Dass es ok ist, wenn man nicht so ist, wie die anderen. Wenn man sich auch nicht mit ihnen identifizieren kann. Und dass man nicht immer alle mögen muss.

Lea: Genau. Und es müssen auch nicht immer alle einen selber mögen. Wenn das nicht so ist, dann ist das eben so.

Lea Sittler

Jenny: Das hat er immer wieder gesagt. Auch dass es Zeiten im Leben gibt, wo es nicht so toll ist und dass es Zeiten gibt, wo es besser ist und dass man nicht alles in der Hand hat. Und dass das Leben halt so geht, wie's geht.

Walter Sittler

Off: Er selbst war und ist nicht immer so gelassen. Immer sind da Zweifel. Ob er den Ansprüchen genügt. Vor allem den eigenen.

Walter: Ja, das ist immanent, weil man ständig was Neues macht. Es ist ja nicht so, dass man eine Fertigkeit erwirbt und die gilt dann für immer. Sondern selbst die Art wie man spricht, wie man geht, die ist manchmal plötzlich nicht mehr gefragt. Vor zwei Jahren war es gut, jetzt ist es schlecht. Die Rollen, die man spielt sind ständig neu. Ich muss also ständig das Können, was man dann glaubt zu haben, der neuen Rolle unterwerfen.
Inzwischen geht es mit den Selbstzweifeln ganz gut, weil ich weiß, dass die kommen, ich weiß, dass die dazugehören, aber die kriegen nicht die Vorherrschaft. Die werden in ein Schächtelchen eingepackt und zur Seite gelegt und sind dann da, aber behindern es nicht mehr.

Margaret: Die Sittlers sind verfolgt von Selbstzweifel und Komplexen, dass wir nicht gut genug sind und Minderwertigkeit und was weiß ich. Das ist einfach auch in den Genen. Das ist die andere Seite dieser Medaille: Nach außen so freundlich und hilfreich und christlich und gebildet und auf der anderen Seite diese Selbstzweifel, die an einem nagen und man sich fragt: ist man gut genug und macht man alles zu seinem besten Potenzial und so weiter.

M. Sittler: Es lastet immer ein Druck auf mir und es ist schwer das ganz loszulassen. Einfach zu lassen und einfach zu leben.

Off: Selbstzweifel. Ständige Ortswechsel. Die Sehnsucht nach zu Hause. Einsamkeit, die sich manchmal nicht schönreden lässt.

Walters Schwester

Margaret: Also ich kann das nachvollziehen, wenn der Walter sagt er fühlt sich einsam. Ich denke jeder Mensch kommt an einen Punkt in seinem Leben, wo man sich klar wird: irgendwo ist jeder Mensch ganz alleine für sich auf dieser Welt. Und dann kommt es eben darauf an, wie man damit umgeht. Und ich denke, es ist eine Größe, wenn diejenigen, die um einen herum sind - und er hat ja viele Menschen bei der Arbeit und auch privat um sich herum - das nicht merken. Dass er das irgendwie für sich verarbeitet.

Anno Saul (Regisseur): Er ist unglaublich geduldig, er ist unglaublich zuvorkommend und er besitzt die Fähigkeit sich in die Emotionen anderer Menschen hineinzuversetzen und das sowohl vor der Kamera als auch hinter der Kamera. Er akzeptiert überhaupt keine Hierarchie. Als Arbeits-Hierarchie ja, aber überhaupt keine im menschlichen Sinne und das ist extrem angenehm, weil es da unglaublich viele andere Kollegen gibt.

Walter:
Ich bin der Meinung keiner von uns ist so wichtig, dass er sich schlecht benehmen darf gegenüber anderen. Ich weiß, dass sich viele schlecht benehmen, das sind aber nicht meine Vorbilder.

Off: Umbau-Pause. Keine Star-Allüren, keine Launen, jeder mag ihn. Und trotzdem: nahezu unmerklich lässt er kaum jemanden so richtig an sich ran.

Walter: Mit Freundschaften tue ich manchmal ein bisschen schwer. Warum weiß ich nicht, es liegt an mir wahrscheinlich. Es gibt andere, die ziehen herum und haben das, ich hab das nicht so. Vielleicht weil meine Familie so groß ist, dass wir das nicht unbedingt brauchten, das kann auch sein. Da habe ich nie ernsthaft eine klare Antwort finden können.

Off: Zurück zu Hause in Stuttgart, nur für wenige Tage. Proben für Erich Kästners "Als ich ein kleiner Junge war". [Gezeigt werden Ausschnitte von den Proben]


Kästner Probe

Kästner Probe

Ein Ein-Personen-Stück mit 90 Minuten Text. Viel Stoff. Und gleichzeitig spielt er auch noch zum ersten Mal ganz allein. Doch er wagt es. Vielleicht weil ihn der Kästner Text berührt


Kästner Premiere

Walter: Es ist so gerade und das ist schön, man kann daraus viel ziehen. Er hat eine Toleranz gegenüber den Menschen. Es ist nicht Gleichgültigkeit und „es ist wurscht“ sondern es ist: Erst verstehen und dann sprechen. Es ist nicht mit einem Emotionschwang überladen sondern die Emotionen sind da, aber es ist gleichzeitig auch eine Klarheit und das macht es so bewegend.
Es ist in dem Moment spannend, wo man selber bewegt wird und das ist etwas, warum ich eigentlich auch Theater spiele. Ich möchte, dass die Menschen von den Geschichten, die wir erzählen, in Bewegung kommen.

Off: Die Menschen zu bewegen, das ist Walter Sittler wichtig, aber bei Weitem nicht genug. Eines der Häuser, in denen Erich Kästner lebte. Auch in der Zeit der NSDAP-Diktatur blieb Kästner in Deutschland, obwohl die Nazis seine Bücher verboten und verbrannten. Es ist das politische wie menschliche Denken, das Walter Sittler und Kästner verbindet. Aber in der gleichen Zeit, in der Kästner geächtet war, arbeitete Sittlers Vater für das Reichspropaganda – Ministerium und den Vater den liebt man.

I. Klünder: Wie war das mit Ihrem Vater? Haben Sie mit ihm jemals darüber gesprochen, warum er NSDAP Mitglied war?


Walter: Nein, nie. Das war kein Thema. Ich war mit 12 ja von zu Hause weg, also mit 13 auf dem Internat. Die Politik in seiner Vergangenheit wurde nichts besprochen, nicht als ich dabei war, leider. Er war ja Amerikaner und kam mit ganz anderen Idealen daher und fand auch dieses Brimborium insgesamt eher lächerlich. Aber die Idee, dass die Menschen vorwärts kommen, dass hat ihm gefallen und er war immer ein Ideen-Mensch, er hat in der Realität nicht klar genug hingeschaut.
Und als er es dann wusste, was da alles passiert war, hat das mit der Idee, die ursprünglich seine Idee war, weshalb er überhaupt da war, überhaupt nichts zu tun. Und das, was passiert ist, ist auch weder zu entschuldigen noch sonst irgendwas, es ist einfach nur grauenhaft.

I. Klünder: Würden Sie das heute mit Ihrem Vater gerne noch besprechen?

Walter: Schade, ja. Geht nicht, das ist vorbei.

Walter Sittler

Off: Der Vater stirbt, als er Anfang 20 ist. Kurz zuvor sein Bruder. Das Gefühl des Behütet-Seins bekommt einen Riss.

Walter: Es schiebt einen ein bisschen in Richtung Erwachsenwerden, denn man ist zwar sowieso allein auf der Welt, aber dann ist man noch mal eine Hälfte mehr allein.

Off: Mit dem Tod so nah konfrontiert zu sein, lässt einen nach dem Sinn, nach dem eigenen Weg und nach Gott fragen. Das, was für ihn im Leben wichtig ist, hängt nicht an seinem Erfolg. Er setzt sich ein für Schulen in Afghanistan, für Kinder, gegen Krieg. Dabei spendet er nicht nur einfach um sein Gewissen zu entlasten, auch im Alltag versucht er, christliche Werte zu leben.


Walters Schwester

Walter: Es ist wichtig, dass wir, die wir privilegiert sind, denen helfen, die das nicht sind. Denn das ist ja das Einzige, was Spaß macht und das dem Leben einen Sinn gibt. Dass man schaut, dass in unserer Gemeinschaft – egal, ob das jetzt das Dorf ist, die Straße, die Stadt, der Staat, - die Menschen glücklich sind. Was hab ich davon, wenn es mir gut geht und um mich herum fällt der Laden auseinander.

Margaret: Ich denke, dass der Walter religiös ist, auch wenn er es nicht zugibt. Also eine ganz subtile Art von Religion oder Glauben. Weil er ein absolut christlicher Mensch ist. Sonst wäre er auch nicht so ein Familienmensch und in seiner ganzen Haltung. Ich denke auch, wie er mit seiner Berühmtheit umgeht, dass ihm das nicht zu Kopf steigt und er einfach noch mit den Füßen auf dem Boden ist, dass zeugt von einer gewissen Gläubigkeit oder dass es eine andere Ebene im Leben gibt, auch bei ihm.

Walter: Religion an sich ist eine Möglichkeit einen Weg zu finden irgendwie durch das Leben hindurch zukommen. Insofern spielt es eine Rolle, denn von den Sachen in der christlichen Religion, die ich auch mitbekommen habe durch die Schule und durch meinen Vater, sind eine ganze Menge, die gut sind. Es hat nicht unbedingt mit dem zu tun, wie die Kirchen das tun.

I. Klünder: Und glauben Sie an Gott?

Walter: (nach kurzer Pause schmunzelnd) Das behalte ich jetzt für mich.

Walter Sittler

Sigrid Sittler

Off: Am Schnittplatz. Nach langjähriger Arbeit als Tanzpädagogin hat Sigrid Sittler noch mal etwas Neues begonnen und macht nun ihren zweiten langen Dokumentarfilm.

Sigrid: Das ist ein Portrait über eine Erzieherin hier in Stuttgart. Eine ungewöhnliche Persönlichkeit, die eine der wenigen Erzieherinnen ist, würde ich sagen, die den Schlüssel zu den Kinderherzen oder Kinderseelen hat. Ein übergeordnetes Thema ist: Was passiert, wenn alle Kinder die Chance hätten ihre Talente zu entfalten und ihr Potenzial zu entwickeln? Wie würde diese Welt aussehen?
Mein Mann teilt diese Themen und es ist jetzt nicht so, dass er sagt: "Ok, weil dich das interessiert, unterstütze ich das." Sondern wir tauschen uns immer aus über die Themen, mit denen der andere sich gerade beschäftigt. Weil uns die Meinung des anderen einfach sehr wichtig ist.

Off: Über all die Jahre, trotz der oft großen Entfernungen zwischen ihnen, haben sie immer das Interesse füreinander bewahrt, doch der Respekt füreinander ist keine Garantie, dass auch die Liebe anhält.

Sigrid: Dass die Liebe nicht abhanden gekommen ist, ist vielleicht auch Glück. Und dass wir beide drauf aufpassen und auch wissen, dass der Stand, an dem wir jetzt sind in der Beziehung sind, der ist nicht einfach so passiert. Sondern daran haben wir gearbeitet und wir hatten auch jeder, glaube ich, den tiefen Wunsch, dass das so bleibt und sich noch weiterentwickelt. Darauf die Frau des Schauspielers Walter Sittler zu sein hab ich keinen Bock! (sie lacht) Aber die Frau von Walter zu sein ist wunderbar.

Off: Das Beste aus sich und seinem Leben zu machen, das war Walter Sittler von klein auf mitgegeben worden. Das Beste hieß, die Welt menschlicher zu gestalten und anderen mit Respekt zu begegnen. Und er selbst?

Sigrid Sittler

Walter und Sigrid Sittler

Walter: Für mich ist es wichtig, dass ich dem was ich kann, was ich möchte, näher komme, weil mich das glücklich macht. Und das funktioniert am Besten, wenn die Menschen, mit denen ich zu tun habe ähnlich ticken.

Sigrid: Das ist schon mal gut, eine gute Grundlage für mich drüber nachzudenken.

Walter:
Und das „Wer bist du?“ ist genauso wichtig wie „Das bin ich“. Es gibt ja Menschen die sagen dauernd nur „Schaut mal, wie toll ich bin, das bin ich“. Es ist schwierig mit denen, es ist mühsam.


Sigrid: Da fällt mir auch noch ein Spruch ein, den hab ich mir aufgeschrieben, ich weiß nicht, von wem der ist, aber: „wenn Menschen zusammen sind, die sich lieben, dann wächst die Kreativität“ Und das ist etwas, was ich sehr nachvollziehen kann.

Walter: Das erlebe ich auch so.

I. Klünder: Was zählt dann in der Liebe?

Walter: Viel. Das Vertrauen. Dass man weiß, der oder die ist es. Da gibt es auch kein „Vielleicht“ oder „Mal sehen“ oder „Heute bist du nicht nett, heute bist du mir nicht so nah“. Das geht alles nicht, das ist alles Kinderkram.

Walter und Sigrid Sittler

© SWR 2007, I. Klünder