Menschen der Woche
(SWR, 28.05.05)
 
Frank Elstner: Wenn ich richtig aufgepasst habe, dann wollte er überhaupt erst mit 25 so richtig Schauspieler werden. Wie gut, dass er es getan hat, sonst hätten wir in diesem Jahr keinen Lieblings-Schausspieler. Ich freue mich auf Walter Sittler.

Es folgen einige Szenen die für das SWR Kulturcafe gedreht wurden und eine Szene aus "girl friends"

Off: Walter Sittler fehlt nur noch das Pferd. Dann wäre er wirklich der perfekte Prinz. Doch Traummänner kommen heute mit dem Auto und spielen im Fernsehen den Chefarzt. Er muss ein Sonntags-Kind sein oder ein "Walter im Glück", denn was er tut, gelingt. Auf der Otto-Falckenberg-Schule in München hat er gelernt, in Mannheim und Stuttgart hat er gespielt und im Fernsehen ist er ein Star geworden. Alles nicht geplant. Einfach passiert, sagt Walter Sittler.


Frank Elstner und Walter Sittler
F.Elstner: Und hier ist er: Walter Sittler. (Walter kommt ins Studio und wird mit viel Applaus begrüßt) Ich bin ja so froh, dass er ohne Groll im Herzen gekommen ist. Als wir uns das letzte Mal getroffen haben wurde unsere Sendung plötzlich fast abgebrochen und wir haben uns nur wenige Minuten unterhalten. Aber Sie sind nicht nachtragend...

Walter: Nein, gar nicht.

F.Elstner: ... das finde ich nett. Mit 25 haben Sie wirklich erst angefangen sich darüber Gedanken zu machen, Schauspieler zu werden?


Walter: Ja. Es war so, ich wollte ursprünglich einen ordentlichen Beruf erlernen, wie das so heißt. Und das war die Zeit, als mein Bruder und mein Vater innerhalb von einem halben Jahr starben. Und mein Patenonkel war Arzt und ich dachte, das ist doch ein schöner Beruf. Das ist ein ordentlicher Beruf, da kannst du was werden.
Und dann hab ich das versucht und das ist nicht wirklich gelungen aus verschiedenen Gründen, die nicht so wichtig sind und dann kam ich plötzlich dazu als Gast in eine Schauspielschule zu gehen. Und das hat mir so gut gefallen, dass ich mich da beworben haben und die haben mich zu meinem Erstaunen genommen. Weil ich gar nicht wusste, dass man sich an zehn Schulen bewerben soll oder an zwanzig. Sondern ich hab mich nur DA beworben. Und dann ist das so geworden.

F.Elstner: Und war wir gerade eben in dem Filmbericht gehört haben: Ihnen ist immer alles gelungen. Stimmt es, dass Sie ein Sonntagskind sind?
 
Walter: Ich hab sicher ab und zu am Sonntag Geburtstag , das schon. (Schmunzeln im Publikum) Aber es sind auch ein paar Sachen natürlich schief gegangen. Für mich ist es immer so: wenn ich versucht habe, etwas übern Zaun zu brechen, ist es immer schief gegangen. Und wenn ich aber gehorcht habe auf das, was richtig scheint, diese Stimme, die einem sagt "Mach es so!" Dann war es richtig.

F.Elstner: Das letzte Mal habe ich Sie gefragt, ob Ihre Frau eifersüchtig ist, wenn Sie Mariele Millowitsch knutschen. Und dann haben Sie gesagt: "Nein, überhaupt nicht, denn dass ist ja nicht der Sittler der knutscht, sondern der Arzt. Das ist die Rolle, die ich das spiele."

Walter: Genau.
Walter Sittler

F.Elstner: Heute kommen Sie mit einer gutaussehenden Frau hier an und wir tuscheln alle und denken "Um Gottes willen, gibt's was Neues für die BILD-Zeitung?"

Walter: Das wäre doch mal was.

F.Elstner: Und jetzt werden Sie uns unendlich beruhigen, denn...

Walter: Das ist Julia, die älteste Tochter meine nächstälteren Schwester.
 
Walter Sittler


F.Elstner: Das heißt, Sie wollten einfach nicht alleine reisen?

Walter: Genau. Und meine Frau kann nicht, weil sie im Moment in der Ukraine ist und da hab ich Julia gefragt, ob sie sie vertreten würde. Und sie hatte zufällig Zeit und ich bin heilfroh, dass sie da ist.

F.Elstner: Sie haben ja einen ungewöhnlichen Lebenslauf, ich meine, nicht jeder ist in Chicago auf die Welt gekommen. Ich finde das ganz toll. Wann waren Sie das letzte Mal in Chicago?

Walter: Durchgefahren, 1972. So lange ist das her.

F.Elstner: Und seither nie wieder da gewesen?

Walter: Nein, ich bin dort geboren, aber nur zwei Jahre gewesen und daran erinnere ich mich nicht. Und meine Geschwister in den USA und die Verwandten, die wohnen alle woanders, da wohnte keiner in Chicago. Und die USA ist ja eines von diesen unglaublich großen Ländern und ich war nie mehr da, nein.

F.Elstner: Aber so ein bisschen Amerikaner steckt ja in Ihnen drin?

Walter: Immer, wenn ich da hin komme, denke ich, es ist wieder zu Hause, aber das ist wahrscheinlich mehr so ein kitschiger Wunsch danach eine Heimat zu haben. Wo man herkommt, wo man sagt: "This is mine". Das hab ich aber nicht.

F.Elstner: Das haben Sie jetzt in Stuttgart.

 
Walter Sittler
Walter: Ja, soweit ich weiß, dass das Heimat ist, ist es das.

F.Elstner:
Was ist denn an Ihnen typisch deutsch und was ist typisch amerikanisch?

Walter:
(überlegt lange) Ich hab gerne Menschen um mich rum. Es ist aber nicht so, dass ich dann sage: "Wenn du einmal da warst, musst du fünf Mal kommen." Sondern es kommen Leute und man redet sehr viel und intensiv, das ist in unserem Beruf ja auch so. Und dann gehen sie wieder weg und kommen jahrelang nicht wieder. Und wenn sie wiederkommen ist es, als wenn nichts dazwischen gewesen wäre. Das gibt's in Deutschland auch, aber das ist in Amerika sehr einfach, dass man kommen kann und man muss keine großen Vorbereitungen treffen oder die Sofakissen hinstellen oder so was. Sondern es findet einfach statt.

F.Elstner: Hat natürlich auch mit der Sprache zu tun, die einfach kommunikativer ist.

Walter: Ja und mit den Amerikanern an sich. Das ist in Amerika ein Teil der Tradition. Wenn du von der Ostküste weg gehst um 1800, dann kommst du nicht mehr zurück, weil das einfach zu weit ist. Das ist jetzt natürlich anders, aber das haben die sich bewahrt. Das wird manchmal als Oberflächlichkeit angesehen, weil die sehr schnell in Kontakt kommen. Ist es aber nicht. Das ist einfach die Art, dass man sagt: Wir haben jetzt Zeit, lass es uns nutzen, denn vielleicht ist es da letzte Mal. Man weiß es nicht.
 
F.Elstner: Ihnen ist ja mit Sicherheit nicht immer alles im Leben gelungen. Aber in den letzten Jahren flutscht das ja. Es gibt keinen Sender bei dem Sie nicht auftreten sollen.

Walter: Ja, das stimmt.

F.Elstner: Sie haben eine Riesen Reihe bei SAT.1, eine Serie bei RTL und jetzt auch noch in der ARD. Meine Damen und Herren, am 3. Juni sollten Sie sich Walter Sittler in der ARD angucken, ich hab nämlich einen Ausschnitt.

Es folgt ein Ausschnitt aus "Ein Geschenk des Himmels" an dessen Ende Johnny John fast vom Dach stürzt
Walter Sittler

F.Elstner: Jetzt muss ich natürlich fragen, wie geht's weiter?

Walter: Den Film haben wir letzten Mai in Schwäbisch Hall gedreht, der Ort im Film heißt natürlich anders. Und es ist ein sehr schwäbischer Film, es sind schwäbische Kollegen dabei, die das ganz wunderbar machen. Ich spreche nicht Schwäbisch, weil ich das nicht kann. Und ich freue mich sehr auf den Film, der gefällt mir selber gut.

F.Elstner: Sie haben das große Los gezogen, dass jeder Regisseur Sie haben möchte, jeder Produzent Sie haben möchte und vor allem das Publikum. Sie sind ja in diesem Jahr gewählt worden vom Publikum einer großen Fernseh-Zeitschrift zum beliebtesten Schauspieler. Bedeutet Ihnen das was?

Walter: Das ist sehr schön. Das ist, wie wenn man einen Preis bekommt, denn wenn eine Zeitung oder eine Organisation das macht, dann machen sie das ja, weil sie etwas Schönes sagen wollen und das ist es auch. Und für mich ist das ein Ansporn weiter gute Filme zu machen, die den Vergleich auch Europaweit nicht zu scheuen brauchen.

F.Elstner: Wir haben in Deutschland, glaube ich, 40.000 arbeitslose Schauspieler und das heißt mit Sicherheit nicht 40.000 schlechte Schauspieler. Von denen sind vielleicht 39.900 sogar gute Schauspieler. Wie motiviert man diese Menschen in dieser Zeit wo sie kein Engagement haben, wo sie keine Rolle kriegen, einfach noch an sich zu glauben?
 
Walter Sittler
Walter: Das ist ganz schwer. Ich glaube gar nicht, dass das wirklich geht. Das liegt in der Person eines jeden, ob er das durchhalten kann oder nicht. Denn wenn man als Schauspieler nicht auftreten kann ist das wie Berufsverbot. Das ist natürlich kein aktives Verbot, aber man kommt nicht an die Menschen ran, man kann sich nicht mitteilen. Denn das, was wir wollen oder ich zumindest und viele meiner Kollegen, mit denen ich arbeite auch... wir wollen die Menschen nicht beeindrucken. Darum geht's gar nicht. Wir wollen sie mit den Geschichten bewegen. Eindruck, der geht irgendwann weg, man sagt "Das war aber toll", aber es ist nicht wichtig. Aber eine Bewegung ist wie eine - sagen wir mal - positive Droge. Da will man immer wieder mehr davon haben, weil es die Menschen löst. Sie sehen Dinge anders, weil sie nicht betroffen sind, aber sie können sich identifizieren, wenn man die Rollen so hinkriegt, dass die Menschen sie verstehen.
Und das ist ein unglaubliches Vergnügen, wenn man das darf. Und ich hoffe, dass ich das noch eine Weile machen kann, weil ich glaube, dass das der Grund ist, warum ich dieses Jahr dort gewählt worden bin. Denn wir machen ja nicht unglaubliche Sachen, wir machen weder Riesen-Stunts noch machen wir sonst was...

F.Elstner: Na, aber das Ding [im Ausschnitt aus "Ein Geschenk des Himmels"] hier eben war aber schon nicht schlecht.

Walter: Ja, das hat auch Spaß gemacht, das war auch schön. Aber wir versuchen einfach, an die Menschen heranzukommen. Dass sie die Dinge auch mal von einer anderen Seite sehen können. Und das löst Spannungen auf.

F.Elstner:
Bei Ihnen kommt natürlich noch was dazu. Sie sind null eingebildet, es gibt viele Ihrer Kollegen, die tragen die Nase hoch...

Walter: Es gibt aber auch viele andere.

F.Elstner: ... aber solche, die sagen: "Ich bin was Besseres" und man sieht ihnen zwei Kilometer gegen den Wind an: Aha, Schauspieler, Vorsicht. Machen Sie bitte den Platz frei im Restaurant. Wieso sind Sie so normal geblieben? Ist da Ihre Frau mit dran schuld?

Walter: Meine Frau, meine Kinder. Auch meine Position als Jüngster, weil man sich ständig an neue Sachen anpassen musste. Man hatte - außer, dass man Jüngster war - keine ordentliche Position, man musste auch nichts sein. Und das ist ein Gedanke, der mich überhaupt beschäftigt, den ich wichtig finde, dass man nicht versucht irgendetwas immer zu sein. Das ist das Problem, das wir überhaupt haben. Sie sprachen vorhin [in der Sendung] von der Politik, dass die sich nicht gut benehmen, weil die immer so tun, als ob sie die Besten wären, die Größten, das stimmt aber nicht. Es gibt Sachen, die ich gut kann, es gibt Sachen, die kann ich überhaupt nicht. Es gibt Sachen, die weiß ich auch nicht.

F.Elstner: Was können Sie überhaupt nicht?

Walter:
Balletttanzen zum Bespiel. (Gelächter) Das würde ich gerne können, weil Tanzen schön ist. Aber ich kann es nicht. Ich hab es nie gelernt und ich kann es nicht. Und diese Überzeugung, das ist eine richtige Überzeugung, dass man versucht, als Mensch authentisch zu bleiben. Ich kann alles Mögliche spielen, ich kann den Farmer in Namibia spielen, ich kann den Dr. Schmidt spielen, den mag ich ganz besonders gerne auch. Aber wenn da nicht der Mensch dahinter steht, den man versucht zu erzählen.
Und deswegen, glaube ich, ist die Serie mit der Mariele auch so erfolgreich, weil man mitkriegt, wie die zwei sich doch nicht kriegen, weil... wollen hätten sie schon gedurft, aber sie haben sich nicht getraut.

F.Elstner: Wie kriegt man Sie denn? Also die meisten Schauspieler sitzen ja nicht zu Hause und kriegen jeden Tag zehn Rollenangebote. Sondern irgendwann kommt der Punkt, wo man sagt: "Moment, ich lese mir erst mal das Buch durch und dann überlege ich, ob ich das annehme." Erste Frage: Wann war das bei Ihnen zum ersten Mal so, dass Sie vorher lesen konnten, was Sie annehmen? Und zweite Frage: Für wen entscheiden Sie sich heute warum?
 
Walter: Das erste Mal, wo ich das konnte, das war, wenn ich mich jetzt richtig erinnere 1998 bei der "Wüstenrose". Da kriegte ich das geschickt, ob ich das machen will. Bei anderen Projekten kriegt man es auch geschickt, aber da heißt es: "Wann haben Sie Zeit?" Da ist nicht die Frage ob man das will, oder nicht? Ich hätte ja auch die anderen Sachen absagen können. Aber das erste Mal, dass ich wusste, jetzt geht es um mich und es wird um mich herum gecastet, das war da. Ist ein sehr schöner Vorgang übrigens. Ganz toll.
Und ich entscheide mich einmal für die Rolle, ob sie das Potenzial hat, das ich vorhin beschrieben hab, wenn da ein menschlicher Kern ist. Der muss nicht mit mir übereinstimmen, gar nicht. Aber wenn da etwas ist, wenn ich sehe, da versucht einer mit den anderen irgendwie ins Gespräch zu kommen. Und sei es auf negative Weise, das spielt keine Rolle, wie das ist. Aber wenn da Bewegung, das mag ich. Und dann kommt's natürlich auch drauf an, welcher Regisseur es ist oder welche Kolleginnen oder Kollegen. Denn wenn man umgeben ist von guten Kollegen, das hebt einen ungemein. Man wird viel besser.
Walter Sittler

F.Elstner: Sie genießen es ein bisschen, dass man sich jetzt sozusagen um Sie herum orientiert. Wie ist das in der Familie?

Walter: Ich bin ja durch die Arbeit beim Fernsehen sehr viel weg von Zuhause, was mir nicht gefällt. Auch nach zehn Jahren immer noch nicht gefällt. Da versuche ich möglichst vorhanden zu bleiben, neben meiner Frau, die meistens da ist. Jetzt ist sie halt nicht da, aber sie ist letztlich das Zentrum der Familie und ich komme so oft ich kann dazu und bleibe halt in Kontakt.

F.Elstner: Sie waren der Jüngste von wie vielen Kindern?

Walter: Von acht.

F.Elstner: Und Sie waren lange im Internat, wir sprachen das letzte Mal darüber. Sie haben so eine lange lange Salem Zeit.

Walter: Drei Jahre, ja.

F.Elstner: Würden Sie Ihre eigenen Kinder in ein Internat stecken?

Walter: Ich nicht, nein. Aber wenn die Kinder das unbedingt wollten, könnte man drüber reden. Aber ich fand immer für mich persönlich - auch da muss man von Mensch zu Mensch unterscheiden, für einen ist das Internat ganz toll, für andere nicht. Ob es für den oder die eine Beförderung ihrer Person wäre oder nicht. Das hat mit dem Internat erst mal gar nicht so viel zu tun.
Für mich war das Internat deshalb etwas schwierig, weil ich mehr Geborgenheit gebraucht hätte, die man im Internat gar nicht bekommen kann, weil es gar nicht geht. Da ist nicht zu organisieren. Dieses Gefühl, man kann einfach nach Hause kommen und muss auch nix tun und keiner fragt einen was, das wäre für mich, glaube, ich besser gewesen, aber das ist... "hättste, wennste, könnste"
 
Walter Sittler

F.Elstner: Ich weiß jetzt, was Ihr Erfolgrezept ist. Sie wollten für sich mehr Geborgenheit und den anderen Menschen, die Sie umgeben, denen vermitteln Sie, das Sie Geborgenheit geben...

Walter: Dass ich für Sie da bin, ja.

F.Elstner: DAS ist der Erfolg von Ihnen. Ich danke Ihnen, dass Sie bei mir waren, die Sendezeit ist schon wieder zuende.

   
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