"Abschied - der alte "Pinguin" geht von Bord"
(SWR1 Radio, 30.09.01)
 
S. Striegl: Am 10. Januar 1993 ging zum ersten Mal der "Pinguin" über den Sender, damals noch auf SDR1. Ein kleines Hörstück, in dem ein Pinguin namens Frack die dumme Frage eines Kindes beantwortet und zwar mit einer fantasievollen Geschichte. 8 ½ Jahre lauschten unsere Hörer am Sonntag morgen um 8.45 Uhr der Stimme des Schauspielers Walter Sittler.
Heute wird es das letzte Mal sein, der Pinguin bekommt ab dem nächsten Sonntag ein neues Gesicht und eine neue Stimme. Herr Sittler, 8 ½ Jahre "Pinguin", das sind viele Fragen, viele dumme Fragen und viele erstaunliche Antworten. Erinnern Sie sich denn noch an die erste Produktion? An den ersten "Pinguin"?

Walter: An die Produktion erinnere ich mich schon, ich bin mir nicht mehr ganz sicher welche Geschichte das war...

S. Striegl:
Die Frage lautete "Warum haben Giraffen so lange Hälse?"

Walter:
Ach, in der Tat, das ist ja schön. Ja, das war... ist das schon 8 ½ Jahre her? Das kommt mir gar nicht so lang vor. Ja, das war eine sehr schöne Produktion, das weiß ich noch. Mit dem kleinen Mädchen, das da war. Und die Antwort war, wenn ich mich richtig erinnere: "Weil die Giraffen ihre wegdriftenden Freunde auf der Platte von Australien sehen wollten."

S. Striegl:
Richtig, da haben Sie ein gutes Gedächtnis. Sie sind Schauspieler, waren auch lange an Theatern tätig, sind mittlerweile viel im Fernsehen zu sehen, d.h. Sie sind es ja gewohnt jemand anderes zu sein. Nun sind Sie aber ein sehr großer Mann - 1,94 - und Pinguine sind sehr sehr klein. War es schwer, in die Rolle eines Pinguins zu schlüpfen?

Walter:
Nein. Die Pinguine wissen ja nicht, dass sie klein sind. Sondern die denken ja, die sind groß. Und sie stehen sehr aufrecht und haben auch ihren Schnabel sehr weit oben und gucken ganz gerade raus in die Welt. Das war ganz einfach.

S. Striegl:
Sie sind ein Familienmensch, haben drei Kinder, die mittlerweile im Teenager-Alter sind. Haben Sie denn Ihren Kindern, als die kleiner waren, Pinguin-Geschichten erzählt?

Walter:
Was ich gemacht habe, war... ich hab die Manuskripte zu Hause gehabt und die Jenny hauptsächlich, die konnte damals auch schon lesen, die hat sie oft gelesen. Und dann gibt es ja die Bücher "Das geheime Wissen der Pinguine". Und die haben wir auch und die wurden sehr gerne gelesen.
Im Moment ist es nicht der Renner bei den Kindern, aber das liegt am Alter auch, glaube ich. Aber die haben die Geschichten sehr gerne gemocht und haben mir auch gleich gesagt: "Die ist gut und die ist naja, aber die ist ganz toll" und so.

S. Striegl: Wurde denn auch Sonntag morgens gemeinsam mit der Familie gelauscht, was da über den Sender geht?

Walter:
Nein, meine Kinder schlafe gerne lange und da sie die Geschichten ja schon kannten, haben sie es dann nicht gehört, nee.

S. Striegl: Sie kommen selber aus einer kinderreichen Familie, Sie waren das jüngste von acht Kindern. Mussten Sie tolle Geschichten erfinden, um sich Gehör zu verschaffen?

Walter:
Wenn ich gewusst hätte, dass man so schöne Geschichten erfinden kann, dann hätte ich das vielleicht gemacht. Nein, ich bin einfach groß geworden. Meine Geschwister sind alle etwas kleiner als ich und ich bin der Größte und das war sozusagen meine Art zu zeigen: "Hallo, hallo, ich bin da!"

S. Striegl:
Fragen wie "Warum haben Nacktschnecken keine Kleider?" oder "Warum machen Schiffe Knoten ins Wasser?", die hat der Pinguin beantwortet mit einer Fantasie-Geschichte. Wie genau nehmen Sie es denn mit der Wahrheit?

Walter:
Ach, das ist eine ganz schwierige Frage. Es ist ja zum Teil so, wie man die Welt sieht und was man dann als Wahrheit annimmt. Und wenn man dann mit jemanden spricht, dann sieht der das Ganze ganz anders. Ich denke, die physikalische und wissenschaftliche Erklärung der Welt ist sehr interessant, aber nur die Hälfte des Ganzen. Weil durch unserer Kreativität und unserem "das als Kunst sehen" kriegt das Ganze noch eine andere Farbe. Und das ist sehr wichtig, sonst wird es sehr trocken und langweilig.
Wenn man zum Beispiel den Kindern erklärt: Der Mond ist 400.000 km weg und besteht aus Gestein und Staub, dann ist das zwar richtig, aber es ist natürlich viel schöner, wenn man sagt, das ist ein großer blauer Schimmelkäse, der langsam aufgefressen wird. Damit können sie was anfangen.

S. Striegl: Haben Sie das bei Ihren eigenen Kindern dann auch so gemacht?

Walter:
Ja. Es kommt dann die Zeit, wo sie dann anders fragen und dann erzählt man andere Sachen. Ich würde es nicht auf Teufel komm raus in jedem Alter weiter machen. Aber Märchen und solche Geschichten sind für Kinder und auch für Erwachsene genauso ein wesentlicher Bestandteil unseres Lebens. Und ich glaube, die Wichtigkeit von Märchen ist genauso groß, wie die Erklärung der Welt, wie sie physikalisch, biologisch und chemisch erklärt werden kann.

S. Striegl:
Blicken Sie dann noch mal zurück: 8 ½ Jahre Pinguin. Gab es da eine wirklich schwierige Aufnahme? Eine Geschichte, bei der Sie sich dauernd versprochen haben oder mit deren Inhalt Sie sich schwer getan haben?

Walter:
Also wenn Sie die Cutterin fragen, ich hab schon verschiedene "Goldene Scheren" vergeben, weil... ich weiß nicht warum, ich verspreche mich immer mal wieder. Manchmal geht es ganz leicht, manchmal nicht so. Das hängt nicht unbedingt mit der Geschichte zusammen, sondern mit der Tagesverfassung. Es gab schwierige Geschichte, wo ich gedacht habe: "Ohje!" Die waren einfach nicht so, wie ich mir Geschichten immer wünsche. Und dann besteht unsere Aufgabe - also von der Regie und von mir - darin, die Geschichte so zu erzählen und mit Musik zu bereichern, anzureichern, dass sie wunderschön wird. Und das hat es schon gegeben, klar, weil bei über 300 Geschichten alles dabei ist.

S. Striegl:
Haben Sie einen Lieblings-Pinguin?

Walter:
Ich finde ja den Kaiser-Pinguin sehr schön. Als wir damit anfingen, bin ich auch in den Zoo gegangen und hab mir die verschiedenen angeschaut.

S. Striegl:
Das ist ja auch der größte von den Pinguin-Arten, der ist 1m groß. Es gibt Zwerg-Pinguine, die sind nur 30cm groß.

Walter:
Ja, die sind auch sehr süß und sind alle auch ähnlich, wenn man's genau nimmt. Aber der Kaiser-Pinguin ist schön groß und er steht da und ist ganz ruhig und wunderbar.

S. Striegl:
Und was die Geschichten angeht, die "Pinguine", haben Sie da eine Lieblings-Geschichte?

Walter:
Da hab ich 'ne ganze Reihe gehabt, muss ich ehrlicherweise zugeben. Es gab also die mit den langen Ohren und den Fliegen und warum ist die Milch weiß oder warum die Zebras ihre Streifen haben... Nein, das könnte ich nicht sagen, da waren zu viele so schöne dabei.

S. Striegl:
Im Hörfunk ist ja nun Ihr Gesicht nicht zu sehen. Finden Sie das denn schade, dass Ihre Hörer - Kinder und Erwachsene - Sie auf der Straße nicht erkennen und rufen "Das ist doch der Pinguin da!"?

Walter:
Nein, das finde ich nicht schade. Es ist so, wenn ich mit Menschen spreche, dann erkennen Sie manchmal die Stimme. Also allen Alters: junge, mittlere, ältere Leute, alle. Und das Schöne beim Hörfunk ist - und das finde ich auch die Kraft des Hörfunks: mit einer guten Geschichte oder einer Erzählung oder einem Hörspiel dringt man in die Fantasie der Zuhörer ein und es entsteht ihre ganz eigene Welt in ihrem Kopf. Und das ist etwas, was nur der Hörfunk kann. Und das hat mir bei diesen Geschichten sehr sehr viel Spaß gemacht. Und das hat, so wie ich das Gefühl hab, häufig funktioniert und das ist schön.

S. Striegl: Was machen Sie jetzt mit der Zeit, die Sie sparen, weil Sie nicht mehr "der Pinguin" sind?

Walter:
Wissen Sie, es ist ja so, als Familienvater und tätig im Fernsehen wird die Zeit einfach geschluckt. Was ich versuche, ist, die Zeit, die da war, sozusagen für mich rauszuholen, das ist ganz schön. Ansonsten verschwindet sie einfach in der Familie, im Fernsehen, Geschichten mit meiner Frau neu machen, mit den Kindern was lernen und so Zeugs.

S. Striegl:
Walter Sittler, danke für's Gespräch und vor allem möchte ich Ihnen auch sehr herzlich danken im Namen der Redaktion und der Hörer für die vielen vielen schönen "Pinguine" und alles Gute für die nächsten Projekte.

Walter:
Danke schön und auch vielen Dank an die Hörer!

© 2001 SWR1