"Stuttgart spart an der Jugendarbeit"
(Stuttgarter Zeitung, 25.11.09)
 

Keine Villa und keine Halbhöhenlage: der Schauspieler Walter Sittler und seine Ehefrau, die Dokumentarfilmerin Sigrid Klausmann, wohnen in einer Möhringer Nebenstraße. Neben dem Esstisch steht eine Stereoanlage, auf dem Boden liegen Schallplatten von Tom Waits und den Eagles. Sittler sagt, er habe zwei Stunden für das Interview eingeplant. Dann muss er schnell weg, zum Flieger.

Wissen die Nachbarn, dass in diesem Häuschen der Fernsehstar Walter Sittler lebt?
Walter:
Ja. Hier in der Gegend wohnen zurückhaltende Menschen, schwäbische Mittelschicht. Die grüßen freundlich und lassen uns ansonsten in Ruhe.

Wir hatten uns Ihr Eigenheim repräsentativer vorgestellt.
Sigrid: Das ist nicht unser Haus, wir haben es nur gemietet. Bis vor einigen Jahren haben wir in Vaihingen als fünfköpfige Familie in einem Hundert-Quadratmeter-Dachgeschoss gewohnt.
Walter: Es ist schwierig, in Stuttgart ein Haus zu erwerben. Die Immobilienpreise sind unfassbar hoch. Wir geben unser Geld lieber für andere Sachen aus.

Wofür denn?
Sigrid: An erster Stelle für unsere drei Kinder, die mittlerweile studieren, zwei sogar im Ausland. Allein der Musikunterricht für unsere Jüngste hat ein Vermögen verschlungen. Lea studiert jetzt in Schweden Sopransaxofon, mit den Schwerpunkten Weltmusik und Jazz.

Ihr Interesse an Erziehungsfragen fällt auf. Sie, Herr Sittler, engagieren sich für Kobra, eine Beratungsstelle gegen sexuelle Gewalt an Kindern. Sie, Frau Klausmann, haben "Lisette und ihre Kinder" gedreht, einen Dokumentarfilm über eine Stuttgarter Pädagogin. Was macht dieses Themenfeld so spannend?


Sigrid: Wir leben in einer Welt, in der Eltern sehr unter Druck stehen. Und diesen Druck geben sie an ihre Kinder weiter, weshalb die Kindheit als solche gefährdet ist. Ein Skandal! Man muss deshalb immer wieder darauf hinweisen, wie wichtig es ist, dass Kinder Freiräume bekommen. Nur so können sie ganz fundamentale Fähigkeiten lernen: Konfliktlösung, Freundschaft, Kommunikation, Integration, Menschlichkeit. Wenn sie diese Fähigkeiten besitzen, lernen sie die Fertigkeiten, die sie später für ihren Beruf brauchen, von ganz alleine.
Walter: Wenn die Kindheit schiefgeht, hat man es später in seinem ganzen Leben schwer. Deshalb ist es doch sinnvoll, in Bildung zu investieren. Das gilt nicht nur für Familien, sondern auch für den Staat. Wenn man wenig Geld hat, muss man sich genau fragen, welche Ausgaben wirklich notwendig sind.

In Stuttgart wird an der Kinder- und Jugendarbeit gespart, stattdessen wird für Hunderte Millionen ein Tiefbahnhof gebaut, damit die schlecht ausgebildeten Kinder und Jugendlichen dann vier Minuten schneller in die Welt hinauskommen. Im Gegensatz zu Bildung ist Stuttgart 21 gewiss nicht notwendig.

Das ist simpel argumentiert. Wenn es mit der Stadt bergab geht, weil die Verkehrsanbindung nicht zeitgemäß ist, wird dies nicht zu einer besseren Bildung der nachfolgenden Generationen führen.
Walter:
München, Frankfurt, Paris - all diese Städte haben Kopfbahnhöfe, ohne dass jemand befürchtet, dass sie deshalb wirtschaftlich abgehängt werden. Stuttgart besitzt einen funktionierenden Bahnhof, den man renovieren könnte und müsste. Man hat ihn ja mehr als ein Jahrzehnt lang absichtsvoll verrotten lassen... Stuttgart21 mag ein technisch interessantes Projekt sein, aber es führt dazu, dass an den elementaren Bedürfnissen der Bevölkerung gespart werden muss. Das wäre dann wirklich eine Gefahr für den Wirtschaftsstandort Stuttgart.

Wenn Sie so entschieden gegen den Tiefbahnhof sind, warum haben Sie dann bei der Oberbürgermeisterwahl vor fünf Jahren die unentschlossene SPD-Frau Ute Kumpf unterstützt und nicht den Grünen Boris Palmer, der eindeutig Ihre Position teilt?
Walter:
Weil Herr Palmer damals keine Chance hatte. Heute wäre es eine andere Situation, jetzt würde ich vermutlich einen grünen OB-Kandidaten unterstützen. Warum sich der SPD-Mann Wolfgang Drexler zum Sprecher von Stuttgart 21 gemacht hat, ist mir ein Rätsel. Ein Sozialdemokrat holt für die CDU die Kohlen aus dem Feuer - das verstehe ich nicht.

Sind Sie etwa kein überzeugter Sozi mehr?
Walter:
Man muss als Schauspieler unabhängig bleiben. Ich kann mich nicht in eine Parteidisziplin einbinden lassen, dadurch würde ich meine Glaubwürdigkeit verlieren. Prinzipiell stehe ich der SPD nahe - solange es die SPD noch gibt.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist Stuttgart Ihre Heimat. Was schätzen Sie an der Stadt?
Sigrid:
Stuttgart ist schön. Unsere Kinder sind hier aufgewachsen, sie haben genügend Gestaltungsspielraum gefunden. Das kulturelle Angebot ist groß - Kino, Theater, Oper. Und der VfB ist ein toller Fußballverein.

Ihre Verehrung geht so weit, dass Sie einen Dokumentarfilm mit dem VfB-Kicker Thomas Hitzlsperger gemacht haben. Wie kam es dazu?
Sigrid:
"Das Fußballfeld" ist ein Nebenprodukt. Ich habe eine Dokumentation gedreht über die junge Amerikanerin Whitney Johnson, die sich bei einer Südafrikareise spontan dazu entschließt, Aidskranken in einem Kapstadter Township zu helfen. Vor dem Hintergrund, dass im kommenden Jahr die Fußball-WM in Südafrika stattfindet, entstand die Idee, einen Nationalspieler als Unterstützer für Whitney Johnsons Projekt gewinnen zu können ...
Walter: ... und da ich Thomas Hitzlsperger als einen intelligenten und sympathischen Menschen kennengelernt habe, haben wir ihn zu uns nach Hause eingeladen. Thomas hat sich einen Filmausschnitt angeschaut und gesagt: "Eigentlich wollte ich im Urlaub nach Australien, aber jetzt gehe ich nach Südafrika und schaue mir das Hilfsprojekt von Whitney Johnson an."
Sigrid: Thomas ist mit uns im Juni auf eigene Kosten nach Khayelitsha gereist, in diesem Township sind fast die Hälfte der Kinder HIV-positiv. Die halbstündige Dokumentation über diese ungewöhnliche Reise eines Profifußballers wird voraussichtlich im kommenden Jahr während der Weltmeisterschaft im Fernsehen gezeigt.

Sofern Hitzlsperger in Südafrika dabei ist. Bei ihm läuft's zurzeit mäßig.
Sigrid:
Thomas Hitzlsperger findet aus der Krise heraus, er wird mit Sicherheit zum WM-Kader gehören. Ich bin kein Laie, ich stamme aus einer fußballbegeisterten Familie: Mein Bruder Urban hat in der Bundesliga bei Werder Bremen gespielt.

Könnten Sie sich vorstellen, einen fiktiven Stoff zu verfilmen? Vielleicht mit Ihrem Mann in der Hauptrolle?
Sigrid:
Ein alter Traum von mir ist tatsächlich, einmal bei einer Spielfilmproduktion Regie zu führen. Ich habe auch schon Drehbücher geschrieben, sogar eines mit einer Doppelrolle für meinen Mann. Aber ich habe mittlerweile erkannt, dass mir der Dokumentarfilm mehr liegt.

Und Ihr Mann hilft Ihnen bei Ihrer Arbeit, indem er den Türöffner spielt.
Sigrid:
Blödsinn, welche Türen soll er mir denn öffnen? Ein Sender kauft keinen Film, weil Walter Sittler der Produzent ist, sondern weil der Film gut ist.
Walter: Es gibt sicherlich Neider, die sagen: "Die Kinder sind aus dem Haus. Jetzt hat Sigrid Klausmann nichts mehr zu tun, deshalb macht sie Filme." Aber wer sich ernsthaft mit der Arbeit meiner Frau auseinandersetzt, merkt schnell, dass sie eine spezielle Gabe besitzt. In ihrer Gegenwart öffnen sich die Menschen vor der Kamera. Sie schafft eine vertrauensvolle Atmosphäre.

Frau Klausmann, wie gefällt Ihnen Ihr Mann als Robert Anders in der ZDF-Krimireihe "Der Kommissar und das Meer"? Man hat das Gefühl, die Rolle ist Walter Sittler auf Leib und Seele geschrieben.
Sigrid:
Die Filmfigur ist insofern meinem Mann ähnlich, als sich der Kommissar Robert Anders sehr darum bemüht, dass es seinen Lieben daheim gut geht. Das Wohl seiner Ehefrau und seiner Kinder ist auch Walters zentrales Anliegen.

Kommissar Anders hat zu Hause Probleme. Seine Frau wünscht sich einen Tapetenwechsel, es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis sie auch ihren Mann auswechselt.
Sigrid:
Ich finde es spannend, dass dieser Kommissar, der so ruhig und souverän wirkt, ein Privatleben hat, das keineswegs reibungslos läuft. Solche Konflikte zeichnen gute Geschichten aus.
Walter: Keine Sorge: im wirklichen Leben führe ich ein harmonisches Familienleben.

Das glauben wir gerne. Sie feiern im kommenden Jahr silberne Hochzeit, das ist in Künstlerkreisen keine Selbstverständlichkeit.
Walter:
Prominente Künstler führen die gleichen Beziehungen wie Bäcker, Maurer oder Zeitungsredakteure. Der Unterschied ist, dass eine breite Öffentlichkeit mitbekommt, wenn etwas schiefgeht.

Aber, Herr Sittler! Sie sind doch als Frauenschwarm viel größeren Versuchungen ausgesetzt als wir unscheinbaren Normalmänner.
Walter:
Mag sein. Aber es gibt auf der ganzen Welt kein Baugerät, das groß genug ist, um mich erfolgreich anzubaggern. Ich liebe meine Frau und möchte mit ihr bis zum Ende meiner Tage zusammenbleiben. Ich habe das Glück, dass Sigrid genauso fühlt.

© 2009 Stuttgarter Zeitung; Frank Buchmeier und Roland Müller