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In Stuttgart wird an der Kinder- und Jugendarbeit gespart, stattdessen
wird für Hunderte Millionen ein Tiefbahnhof gebaut, damit die schlecht
ausgebildeten Kinder und Jugendlichen dann vier Minuten schneller in die
Welt hinauskommen. Im Gegensatz zu Bildung ist Stuttgart 21 gewiss nicht
notwendig.
Das ist simpel argumentiert. Wenn es mit der Stadt bergab geht, weil die
Verkehrsanbindung nicht zeitgemäß ist, wird dies nicht zu einer
besseren Bildung der nachfolgenden Generationen führen.
Walter: München, Frankfurt, Paris - all diese Städte haben
Kopfbahnhöfe, ohne dass jemand befürchtet, dass sie deshalb
wirtschaftlich abgehängt werden. Stuttgart besitzt einen funktionierenden
Bahnhof, den man renovieren könnte und müsste. Man hat ihn ja
mehr als ein Jahrzehnt lang absichtsvoll verrotten lassen... Stuttgart21
mag ein technisch interessantes Projekt sein, aber es führt dazu,
dass an den elementaren Bedürfnissen der Bevölkerung gespart
werden muss. Das wäre dann wirklich eine Gefahr für den Wirtschaftsstandort
Stuttgart.
Wenn Sie so entschieden gegen den Tiefbahnhof sind, warum haben Sie
dann bei der Oberbürgermeisterwahl vor fünf Jahren die unentschlossene
SPD-Frau Ute Kumpf unterstützt und nicht den Grünen Boris Palmer,
der eindeutig Ihre Position teilt?
Walter: Weil Herr Palmer damals keine Chance hatte. Heute wäre
es eine andere Situation, jetzt würde ich vermutlich einen grünen
OB-Kandidaten unterstützen. Warum sich der SPD-Mann Wolfgang Drexler
zum Sprecher von Stuttgart 21 gemacht hat, ist mir ein Rätsel. Ein
Sozialdemokrat holt für die CDU die Kohlen aus dem Feuer - das verstehe
ich nicht.
Sind Sie etwa kein überzeugter Sozi mehr?
Walter: Man muss als Schauspieler unabhängig bleiben. Ich kann
mich nicht in eine Parteidisziplin einbinden lassen, dadurch würde
ich meine Glaubwürdigkeit verlieren. Prinzipiell stehe ich der SPD
nahe - solange es die SPD noch gibt.
Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist Stuttgart Ihre Heimat. Was schätzen
Sie an der Stadt?
Sigrid: Stuttgart ist schön. Unsere Kinder sind hier aufgewachsen,
sie haben genügend Gestaltungsspielraum gefunden. Das kulturelle
Angebot ist groß - Kino, Theater, Oper. Und der VfB ist ein toller
Fußballverein.
Ihre Verehrung geht so weit, dass Sie einen Dokumentarfilm mit dem
VfB-Kicker Thomas Hitzlsperger gemacht haben. Wie kam es dazu?
Sigrid: "Das Fußballfeld" ist ein Nebenprodukt. Ich
habe eine Dokumentation gedreht über die junge Amerikanerin Whitney
Johnson, die sich bei einer Südafrikareise spontan dazu entschließt,
Aidskranken in einem Kapstadter Township zu helfen. Vor dem Hintergrund,
dass im kommenden Jahr die Fußball-WM in Südafrika stattfindet,
entstand die Idee, einen Nationalspieler als Unterstützer für
Whitney Johnsons Projekt gewinnen zu können ...
Walter: ... und da ich Thomas Hitzlsperger als einen intelligenten
und sympathischen Menschen kennengelernt habe, haben wir ihn zu uns nach
Hause eingeladen. Thomas hat sich einen Filmausschnitt angeschaut und
gesagt: "Eigentlich wollte ich im Urlaub nach Australien, aber jetzt
gehe ich nach Südafrika und schaue mir das Hilfsprojekt von Whitney
Johnson an."
Sigrid: Thomas ist mit uns im Juni auf eigene Kosten nach Khayelitsha
gereist, in diesem Township sind fast die Hälfte der Kinder HIV-positiv.
Die halbstündige Dokumentation über diese ungewöhnliche
Reise eines Profifußballers wird voraussichtlich im kommenden Jahr
während der Weltmeisterschaft im Fernsehen gezeigt.
Sofern Hitzlsperger in Südafrika dabei ist. Bei ihm läuft's
zurzeit mäßig.
Sigrid: Thomas Hitzlsperger findet aus der Krise heraus, er wird mit
Sicherheit zum WM-Kader gehören. Ich bin kein Laie, ich stamme aus
einer fußballbegeisterten Familie: Mein Bruder Urban hat in der
Bundesliga bei Werder Bremen gespielt.
Könnten Sie sich vorstellen, einen fiktiven Stoff zu verfilmen?
Vielleicht mit Ihrem Mann in der Hauptrolle?
Sigrid: Ein alter Traum von mir ist tatsächlich, einmal bei einer
Spielfilmproduktion Regie zu führen. Ich habe auch schon Drehbücher
geschrieben, sogar eines mit einer Doppelrolle für meinen Mann. Aber
ich habe mittlerweile erkannt, dass mir der Dokumentarfilm mehr liegt.
Und Ihr Mann hilft Ihnen bei Ihrer Arbeit, indem er den Türöffner
spielt.
Sigrid: Blödsinn, welche Türen soll er mir denn öffnen?
Ein Sender kauft keinen Film, weil Walter Sittler der Produzent ist, sondern
weil der Film gut ist.
Walter: Es gibt sicherlich Neider, die sagen: "Die Kinder
sind aus dem Haus. Jetzt hat Sigrid Klausmann nichts mehr zu tun, deshalb
macht sie Filme." Aber wer sich ernsthaft mit der Arbeit meiner Frau
auseinandersetzt, merkt schnell, dass sie eine spezielle Gabe besitzt.
In ihrer Gegenwart öffnen sich die Menschen vor der Kamera. Sie schafft
eine vertrauensvolle Atmosphäre.
Frau Klausmann, wie gefällt Ihnen Ihr Mann als Robert Anders in der
ZDF-Krimireihe "Der Kommissar und das Meer"? Man hat das Gefühl,
die Rolle ist Walter Sittler auf Leib und Seele geschrieben.
Sigrid: Die Filmfigur ist insofern meinem Mann ähnlich, als sich
der Kommissar Robert Anders sehr darum bemüht, dass es seinen Lieben
daheim gut geht. Das Wohl seiner Ehefrau und seiner Kinder ist auch Walters
zentrales Anliegen.
Kommissar Anders hat zu Hause Probleme. Seine Frau wünscht sich einen
Tapetenwechsel, es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis sie auch
ihren Mann auswechselt.
Sigrid: Ich finde es spannend, dass dieser Kommissar, der so ruhig
und souverän wirkt, ein Privatleben hat, das keineswegs reibungslos
läuft. Solche Konflikte zeichnen gute Geschichten aus.
Walter: Keine Sorge: im wirklichen Leben führe ich ein harmonisches
Familienleben.
Das glauben wir gerne. Sie feiern im kommenden Jahr silberne Hochzeit,
das ist in Künstlerkreisen keine Selbstverständlichkeit.
Walter: Prominente Künstler führen die gleichen Beziehungen
wie Bäcker, Maurer oder Zeitungsredakteure. Der Unterschied ist,
dass eine breite Öffentlichkeit mitbekommt, wenn etwas schiefgeht.
Aber, Herr Sittler! Sie sind doch als Frauenschwarm viel größeren
Versuchungen ausgesetzt als wir unscheinbaren Normalmänner.
Walter: Mag sein. Aber es gibt auf der ganzen Welt kein Baugerät,
das groß genug ist, um mich erfolgreich anzubaggern. Ich liebe meine
Frau und möchte mit ihr bis zum Ende meiner Tage zusammenbleiben.
Ich habe das Glück, dass Sigrid genauso fühlt.
© 2009 Stuttgarter Zeitung; Frank Buchmeier und Roland Müller
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