"Mein Ziel war es, menschlich wach zu bleiben"
(Wissen und Gesundheit, Januar 2008)
 
Der große Durchbruch als Schauspieler gelang Walter Sittler vor zehn Jahren in den Serien "Girl Friends" und "Nikola" an der Seite von Mariele Millowitsch. Wir trafen den beliebten Schauspieler in Stuttgart und sprachen mit ihm über Familie, beruflichen Erfolg und Zukunftspläne.

Ihnen fliegen die Herzen der weiblichen Zuschauer zu. Trotzdem sind Sie am Boden geblieben. Was hat Sie daran gehindert abzuheben?
Ich habe in Sigrid die richtige Frau gefunden - und meine drei mittlerweile erwachsenen Kinder halten mich am Boden. Und ich nehme mich selbst nicht so wahnsinnig wichtig. Außerdem habe ich in Mannheim und Stuttgart 15 Jahre lang Theater gespielt, bevor ich zum Fernsehen gekommen bin. Und das Theater ist lange nicht so erfolgshysterisch wie das Fernsehen.

Wo fühlen Sie sich wohler: Auf der Bühne vor Publikum - oder vor der Kamera?
Das ist wie Äpfel mit Birnen vergleichen. Ich mag beides sehr.
   

Sie haben auch mit beidem Erfolg. Schöpfen Sie daraus Ihr Selbstbewusstsein?
Bei mir ist das Selbstbewusstsein nicht abhängig vom Erfolg. Das entwickelt sich mit der Zeit - wenn man Glück hat, schon zu Hause. Und das bleibt, egal ob die Welt das, was ich mache, gut findet oder nicht. Es gibt Künstler, die ihr ganzes Leben keinen Erfolg hatten und trotzdem tolle Künstler sind. Ich versuche einfach, das zu machen, was ich kann. Dazu gehören auch neue Herausforderungen. Der Kästner-Abend beispielsweise ist das erste Projekt, bei dem ich alleine zwei Stunden auf der Bühne stehe. Das wollte ich eigentlich nie, weil ich dachte, dass mir das nicht liegt. Aber es stellt sich heraus, dass es wunderbar klappt.

Weil Sie heute sicherer sind als früher?
Ja. Und ich bin zufriedener mit dem, was ich mache. Noch vor zehn Jahren hätte ich mich zu sehr darauf konzentriert, alles richtig zu machen. Das gelingt jetzt einfach, was ein schönes Gefühl ist. Die Kästner-Abende sind zwar anstrengend, aber nicht ermüdend. Und ich bin glücklich danach. Geschichten zu erzählen ist etwas Wunderbares, vor allem live vor Publikum.


Muss man eine Schauspielschule besucht haben, um auch im Fernsehen bestehen zu können?
Manche Kollegen haben noch nie eine Schauspielschule von innen gesehen und sind großartig. Die meisten können allerdings nur eine Weile bestimmte Rollen spielen und gehen dann unter, weil sie die Verwandlung nicht hinbekommen. Beim Fernsehen denken viele: "Ich bin das Wichtigste." Das langweilt sehr schnell, wenn sich jemand nicht wirklich in eine Rolle hineinbegibt und sich immer nur vorne anstellt.

Ist gutes Aussehen von Vorteil?
In einer Beziehung ja: Die Identifikation des Zuschauers mit den Hauptdarstellern funktioniert besser. Es ist aber auch schwieriger, vielfältige Rollen zu bekommen. Die Quotenfessel ist so gigantisch, dass der Film auf jeden Fall erfolgreich sein muss. Also nehmen Produzenten die Zutaten, die bislang erfolgreich waren. Und ich bin nun mal immer der Gute, der es am Ende irgendwie hinbekommt. Ich mache das ja sehr gern - aber die schwierigen Rollen kommen dadurch zu kurz. Das ist im Theater anders, weil das Aussehen nicht so entscheidend ist.

Gibt es Rollen, die Sie ablehnen?
Ja. Wenn das Drehbuch so von Kitsch überquillt, dass es keinen Spaß mehr macht. Ein Melodram muss ein gewisses Maß an Kitsch haben, aber es muss irgendwie wahr bleiben. Auf unwahres, goldenes Gefängnis habe ich keine Lust. Ich lehne Rollen ab, wenn mir beim Lesen nichts zu der Person einfällt.

Sie sind jetzt 55 und viel unterwegs. Was tun Sie um fit zu bleiben?
Ich habe das Glück, gute Gene zu haben. Ich versuche aber natürlich trotzdem, Sport zu machen. Wenn ich daheim in Stuttgart bin, gehe ich zusammen mit meiner Frau laufen. Und ich mache Kieser-Training für den Rücken. In meinem Alter muss man schon aufpassen, dass man nicht unförmig wird. Aber entscheidend ist, das man psychisch und seelisch glücklich ist, das trägt viel zur Ausstrahlung und zur Gesundheit bei.


Sie sind ja nicht nur beruflich, sondern auch als Vater von drei Kindern stark gefordert. Freuen Sie sich auf die Zeit, wenn alle Kinder außer Haus sind?
Ja und Nein. Ja, weil Sigrid mich dann mehr begleiten wird, wenn ich auf Tour bin. Nein, weil die Kinder dann selbstständig sind und sich entwickeln. Und nein, weil ich nicht mehr auf sie aufpassen kann.

Wie war Ihre eigene Kindheit?

Ich war gut aufgehoben mit sieben älteren Geschwistern. Ich bin in Chicago aufgewachsen und erst mit sieben Jahren nach Deutschland gekommen. Dann war ich viel in Internaten, womit ich mich arrangieren musste. Ob man glücklich ist, war da nicht die Frage. Es ging ums Durchkommen, irgendwie die Schule schaffen und Abitur machen. Und später habe ich sehr viel Glück gehabt mit meiner Frau und mit meinem Beruf.

Gibt es etwas, das Sie rückblickend anders machen würden?
Ich hab' vielleicht den einen oder anderen Film zu viel gedreht. Ich habe zwar versucht, so viel daheim zu sein wie möglich, aber im Nachhinein habe ich einiges verpasst. Die Zeit mit der Familie ist doch das Wertvollste, was wir haben - und die vergeht unwiederbringlich.

Wie lange wollen Sie noch als Schauspieler arbeiten?
Bis der Deckel zugeht. Das ist das Schöne an meinem Beruf: Es hört nie auf. Die Rollen werden zwar weniger, aber dann macht man eben zwei Filme im Jahr und das passt. Und auf der Bühne kann man, solange man bei Verstand bleibt, bis zum 100. Lebensjahr stehen. Und das möchte ich.

Welche Pläne haben Sie noch?
Wenn Sigrid und ich nicht mehr so an zu Hause gebunden sind, wollen wir noch mehr in der Welt umherfahren. Nicht nur reisen, sondern auch mal zwei oder drei Monate woanders wohnen. Alle ein bis zwei Jahre wollen wir einen Dokumentarfilm fertigstellen - Sigrid kümmert sich um die künstlerische Leitung und ich bin der Produzent. Im Idealfall möchte ich zwei Filme im Jahr machen und einmal im Jahr Theater spielen.

Was ist Ihnen im Leben besonders wichtig?
Im Gespräch sein mit den Leuten, die mir nahestehen. Und mir selbst treu bleiben, das entspannt das Leben sehr. Eine Menge Kraft geht verloren, wenn man versucht, ein Image zu bedienen. Mein Ziel war es immer, künstlerisch vorwärtszukommen und menschlich wach zu bleiben. Und dafür muss man zuhören - vor allem den Menschen, die einem wichtig sind.

© 2008 Wissen & Gesundheit; A. Beer


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