Volle Kanne, Susanne
(ZDF, 29.03.01)
 
I. Nommsen: Ich begrüße den ZDF-Star aus der Serie "girl friends", Walter Sittler, schönen guten Morgen!

Walter: Guten Morgen!

I. Nommsen: Sie sind gut rausgekommen heute früh?

Walter: Ja, sehr gut, sehr gut. Ich steh ja immer früh auf, wenn ich zu Hause bin, weck ich die Kinder morgens und das ist viertel nach sechs, das kann ich gut.

I. Nommsen: Sie haben drei Kinder zu Hause?
Volle Kanne
   
Walter: Ja!

I. Nommsen: Da wird Sie sicher auch das Thema beschäftigen, dass uns seit gestern schwer in Atem hält - zumindest auch mich - Ulrikes Mörder ist gefasst. Das ist heute sicher das Topthema.

Walter: Ja, so als Vater von Kindern kann ich da gar nicht viel zu sagen, weil da geht einfach das Licht aus. Ich möchte auch nicht in der Lage sein, jemand bestrafen zu müssen, der sowas gemacht hat. Weil es da in unserem Rechtssystem letztlich nichts gibt, was einem da helfen könnte. Das ist das Schlimmste für mein Gefühl überhaupt, was man mit einem Kind machen kann.

I. Nommsen: Es ist immer wieder erschreckend, wenn es solche Fälle gibt. Das andere Thema in Deutschland sicherlich momentan der Castor. Er fährt wieder seit heute morgen. Gestern gab's große Randale und vorgestern Abend hatte sich das schon angedeutet. "Chaos beim Atomtransport" schreiben die Kollegen von der SZ - wie sehen Sie das?

Walter bei Volle Kanne 1 Walter: Ich finde es sehr gut, dass Menschen ihrer Überzeugung Ausdruck geben und den Castor aufhalten wollen. Sie wissen, dass sie ihn nicht aufhalten können, aber sie wollen, dass klar wird, dass diese Technik und diese Einlagerung, dass damit Schluss gemacht wird. Und das ist auch meine Meinung. Wenn dann natürlich jemand anfängt, Polizisten anzugreifen und Leuchtmunition zu schießen - das ist keine Art der Auseinandersetzung und das hat auch mit Politik nichts mehr zu tun.
Aber ich finde eben, diese Technologie, vor allem der Müll, der nicht mehr beherrschbar ist, weil die Halbwertzeichen von 20 000 Jahren haben . Wie will man das handhaben? Und da finde ich es sehr gut, wenn Demonstranten immer wieder so lange darauf hinweisen, auf die Wunde gehen, bis eine Lösung gefunden wird, die akzeptabel ist und im Moment gibt's noch keine.

I. Nommsen: Zu erfreulicheren Dingen: Sie sind gestern Abend extra schon früher angereist - Deutschland hat gespielt, die Fußballnationalmannschaft...

Walter:
(strahlt).. und hat gewonnen!

I. Nommsen:
4:2 gewonnen, wooh! Da hat sich's gelohnt, oder?

Walter:
Das war sehr schön. Da waren die ganzen "Tugenden" wieder da. Und dann, als Deisler den Platzverweis bekam und dann die Spielzüge wiederkamen, wie man sie, ja, teilweise aus der Zeit von Beckenbauer waren wieder da. Und das war toll!
Walter bei Volle Kanne 2
 

I. Nommsen: Ja, da kommen Erinnerungen wieder hoch! Wir haben für Sie extra ein schönes Frühstück besorgt. Sie hatten sich - was hatten Sie sich eigentlich gewünscht? - "Fischiges", Krabben?

Walter: Eigentlich hatte ich mir ein American Breakfast gewünscht, aber das geht nicht, weil das zu gefährlich ist....

I. Nommsen: Fackelt uns hier die Bude ab, ne? (er lacht)

Walter: Nee, das darf ich nicht (lacht). Und dann hab ich mir gedacht, ich fahre gerne nach Norwegen, finde es sehr schön da. Und da hab ich mir ein norwegisches Frühstück gewünscht.

I. Nommsen: Alles klar, dann wünschen wir Guten Appetit. Sie sind zu sehen an Ostern im ZDF mit der "Reise des Herzens", ein großer Zweiteiler. Darüber sprechen wir gleich ausführlicher. Jetzt geht's bei uns erst mal um Ökohäuser. Sagen Sie, wohnen Sie im eigenen Haus?

Walter: Nein, ich bin Mieter, wie so viele in Deutschland. Wir wohnen unterm Dach mit lauter Schrägen und fühlen uns sehr wohl da.

[....]

I. Nommsen: Sind Sie auch einer, der ein bisschen nach Hollywood schielt und guckt, was passiert da und gäb's vielleicht auch einen Einstieg?

Walter: Natürlich möchte man gerne einmal im Leben, dass im Kino der Vorhang aufgeht und man ist als Name erwähnt - das ist schön, klar! Ich schau mir die Filme von dort an, weil es einfach 'ne ganze Menge sehr guter Schauspieler dort gibt - es gibt bei uns auch sehr gute, aber dort eben auch und die sind im Kino zu sehen und das mach ich dann schon. Aber ich häng das ganz tief, denn ich arbeite hier, meine Sprache ist deutsch und ich arbeite auf deutsch. Ich könnte auch auf englisch arbeiten, aber hier hab ich alles, das ist mein Land.


Walter bei Volle Kanne 3 I. Nommsen: Ich wollte gerade sagen, Vater Amerikaner gewesen, dann bis 6 haben Sie englisch/amerikanisch gesprochen, die Voraussetzungen wären ja da - gutaussehend, charmant, die Damen liegen Ihnen zu Füßen.

Walter: Gutaussehend, charmant gibt es in Amerika viele und die sind sehr gute Schauspieler auch, da muss man sich wirklich nur verneigen.

I. Nommsen: Sie sind relativ spät in die Schauspielerei gestartet, mit 26. Das war auch kein ganz gewöhnlicher Weg. Erklären Sie uns das.
 


Walter: Naja, wie so viele nach dem Abitur, wusste ich nicht so genau, was ich eigentlich machen soll. Und dann habe ich mir alles Mögliche überlegt und dann bin ich ins Ausland gegangen, habe dort gearbeitet; kam wieder und fand auch nicht was ich sollte und dachte, naja, mein Patenonkel war Arzt, dann mach ich das auch, ist ein ordentlicher Beruf, das kann man doch machen.
Und bekam keinen Studienplatz zu meinem Erstaunen, weil ich das mit der ZVS nicht geblickt hatte! Ich hab gedacht, Herr Gott, ich habe Abitur, gebt mir doch einen Studienplatz. Naja, und dann hab ich gearbeitet und dann ist mir die Medizin abhanden gekommen.

I. Nommsen: Alles wegen dem Notendurchschnitt. Und dann: Schauspieler geworden.

Walter: Ja, und dann hab ich Glück gehabt - ja, deswegen ist das so spät gekommen.

I. Nommsen: Aber es war kein Schaden oder würden Sie sagen... ich meine, der richtig große Durchbruch, da waren Sie auch kein "Jungspund" mehr, wie heute viele. Kann man das dann besser verarbeiten?

Walter: Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, ich bin insgesamt langsam, ich brauch Zeit für vieles. Und nach der Schauspielschule, als es am Theater dann richtig los ging, da war für mich erstmal die Zeit zu lernen, wie Schauspiel wirklich geht. Man hat an der Schauspielschule viel gelernt, dass war auch gut, aber das Wirkliche kam für mich erst am Theater.
Deswegen bin ich froh, dass so spät mit dem Fernsehen überhaupt angefangen hat, weil man dann schon eine gewisse Ruhe und Basis hat. Wo man sagt, es ist nicht alles Gold und es ist auch ein Beruf, es ist nicht ein Zustand als Mensch, sondern das ist meine Arbeit. Aber das macht mich nicht als Mensch toll, besser oder sonstwas - es ist meine Arbeit und ich mach sie gerne, ich mach sie sogar sehr gerne.

I. Nommsen: Sie gehören heute - das kann man ohne Umschweife sagen - zur ersten Liga, was die deutschen Schauspieler angeht. Sie sind demnächst mit der "Reise des Herzens" an Ostern wieder mit einem großen ZDF-Fernsehfilm, ein Zweiteiler, zu sehen. Sagen Sie uns kurz, worum geht's?


Walter: Es geht um zwei Leute, die in ganz verschiedenen Beziehungen festgehalten sind und sich daraus befreien, weil sie ihr Glück und die Leidenschaft füreinander haben und auch diesem Gefühl den Platz einräumen wollen, der diesem Gefühl auch zusteht, finde ich. Mein Gedanke dabei war - weil es ist ja meine Geschichte ursprünglich, die ich geschrieben habe - nicht das Drehbuch, nur das Exposé - dass wir zu sehr vom Kopf her unsere Beziehungen steuern.
Wir denken, wir können alles, wir wissen alles und denken, dann machen wir das so und wir sagen, wenn du halt 'ne Freundin hast, hab ich einen Freund oder was weiß ich. Und wir vergessen, dass es innen eine Leidenschaft gibt und etwas, was wir nicht mit dem Kopf allein beherrschen können und gar nicht sollen und das ist die Hälfte der Miete sozusagen. Und diese Hälfte wollte ich bisschen mal wieder in den Vordergrund bringen.
Walter bei Volle Kanne 4

I. Nommsen: Über Leidenschaft und Beziehungen sprechen wir gleich noch, vorher wollen wir natürlich reingucken. Am 15. und 16. April läuft's im ZDF, wir haben erste Szenen da und die Kollegen haben natürlich auch aus dem Archiv ein paar Szenen rausgesucht aus anderen Serien, aus denen wir Sie kennen... [Es folgen viele Szenen aus GF und dem Zweiteiler ] Da geht's also darum, dass es eine Beziehung gibt, in der beide sich auch an der Seite orientieren, andere Richtung sozusagen. Kann man das so sagen?
   
Walter bei Volle Kanne 5 Walter: Ja, sie führen, wie sie finden, eine offene, moderne Beziehung und merken gar nicht, wie sie sich eigentlich vergewaltigen, weil ihre träume andere sind. Und sie tun diese träume aber weg für ein professionelles Management der Ehe - und das ist Quatsch, das funktioniert nicht. Also nicht bei uns! Es gibt andere Kulturen, da läuft das anders. Aber wir leben hier.

I. Nommsen: Wie funktioniert das bei Ihnen? Wie managen Sie Ihre Ehe, Ihre 3 Kinder? Ist Ihre Frau ab und zu eifersüchtig?

Walter: Nein. Nein, das ist sie nicht, weil meine Frau und ich, wir schauen, dass wir gut aufeinander aufpassen, dass wir uns im Blick behalten und auch im gefühlsmäßigen Kontakt immer wissen, wo der andere ist, wo er sich hinentwickelt, weil man das vorher nicht weiß. Und auch, dass man - das find ich auch einen ganz wichtigen Punkt, der wird häufig vergessen bei vielen Paaren - dass man einen Respekt voreinander behält. Ich meine nicht diesen Respekt wie vor Lehrern oder so, sondern nur als Mensch.
Und ich beobachte häufig, dass Paare nach längerer Zeit diesen Respekt verlieren und so'n scharfen Ton miteinander haben, den sie mit niemand anderem hätten. Das ist das Ende einer wirklichen Liebe, finde ich. Und das versuche ich - und das klappt, glaube ich, ganz gut - zu vermeiden und dasselbe ist mit den Kindern. Die Kinder verdienen denselben Respekt wie jeder andere erwachsene Mensch auch, weil sie als vollständige Menschen auf die Welt kommen. Wenn man das mal erlebt hat, ich habe das ja dreimal erlebt...
Walter bei Volle Kanne 6
 

Walter bei Volle Kanne 7 I. Nommsen: Also, Sie waren live bei der Geburt dabei...

Walter: Ja, bei zwei. Beim Benedikt nicht, denn der war Kaiserschnitt. Ich weiß, wie ein Kaiserschnitt geht, ich wollte wissen, was sie nachher mit ihm machen. Und die kommen auf die Welt und sind eigentlich schon genauso, wie sie jetzt auch sind. Das ist unbeschreiblich.

I. Nommsen: Sie sind in einer großen Familie groß geworden: 7 Geschwister auf der Welt verstreut. Sie haben vorhin schon gesagt, Sie waren im Ausland sogar ein Jahr lang bei der Schwester in Lima. Und Ihre Frau hat auch so viele Geschwister, d.h. wenn da alle zusammen kommen, da wird das richtig voll, ne?
 

Walter: Wir haben beide Familien noch nie zusammen gehabt. Aber wenn nur von meiner Seite meine Geschwister mit Partnern und Kindern kommen, dann sind wir so 35 und bei Sigrid ist es ähnlich. Also meine Mutter hat 19 Enkelkinder und Sigrids Mutter so 16 oder 17. Wenn wir alle zusammen tun, können wir die 80 vollmachen.

I. Nommsen: Sie haben einen großen Traum und man informiert sich ja vorher ein bisschen...

Walter: Ich weiß was kommt, ich weiß was kommt! (er lacht)


I. Nommsen: Und wir haben auch, glaube ich, den passenden Sound dazu da. "Spiel mir das Lied vom Tod" - das wär also Ihr Traum?

Walter:
Es kommt natürlich auf das Buch drauf an, klar. Aber, ich bin ja gebürtiger Amerikaner und ich betrachte dieses Land mit einer Mischung aus Bewunderung und Skepsis. Und die guten Western, wenn man z.B. "12 Uhr mittags" nimmt, dass sind ja nicht "nur" Western, sondern die erzählen wichtige soziale Vorgänge in unserer Gesellschaft. Die sind dann eben nicht an eine Zeit gebunden und das schöne im Western ist: da fehlt der ganze Schnick-Schnack außenrum. Man braucht keine Autos, keine Telefone, keine Faxe, sondern man kann sich ganz auf die Leute konzentrieren und auf das, was zwischen den Leuten von sich geht. Das gefällt mir.
Walter bei Volle Kanne 8
 

I. Nommsen: Western! Naja, vielleicht kommt's ja nochmal zu einer Rolle mit Clint Eastwood, ne? Im Gegensatz zu vielen anderen Westernhelden lebt der ja auch noch.

[....]


Walter bei Volle Kanne 9 I. Nommsen: Ich habe hier Nähzeug dabei - können Sie sich denken warum?

Walter: Fehlt mir ein Knopf oder was? (er lacht)

I. Nommsen: Nein, nein, nein. Sie sollen mal ein Hasenkostüm genäht haben.

Walter: Ja, das hatte ich meiner Tochter versprochen...
 

I. Nommsen: Hab ich mir gedacht, ich kann das ja nicht. Die Socken sind wohlgemerkt natürlich gewaschen, aber da sind ein paar Löcher drin. Glauben Sie, das kriegen Sie hin bis zum Ende der Sendung?

Walter: Wollen wir mal sehen.... ist jetzt natürlich hier das falsche Garn...

I. Nommsen: Naja gut, wenn's farblich nicht stimmt...

Walter: Dann können Sie besser sehen, ob's gut geworden ist.


Zwischendurch kamen dann noch ein paar Beiträge über irgendwas und dann "durfte" Walter dann der Floristin beim Gesteck-Binden assistieren und dann ging's wieder zum Socken-Stopfen...

Walter: Wenn das ein richtiges Loch wäre, wär das das Geflecht, ich würde jetzt das hier oben noch zunähen und dann wäre das fertig. Und das hier ist die Version für Leute, die nicht soviel stopfen wollen: man macht einen Rundstich und dann macht man zack! und dann ist das zu!

I. Nommsen: Das ist meine Version! Wo haben Sie das gelernt?
Volle Kanne
   
Walter: Selber beigebracht, wenn man drei Kinder hat, dann...

I. Nommsen: ... kommt das automatisch.

Walter: Ja, möchte man nicht immer alles wegschmeißen und neu kaufen.

I. Nommsen: Was sind jetzt die nächsten Sachen, die bei Ihnen anstehen?

Walter: Wir fangen am 8. Mai mit der fünften Staffel von "girlfriends" an, die dann im Anschluss an die Wiederholungen, die jetzt gesendet werden, ausgestrahlt wird.

I. Nommsen: Und zwischendurch gibt es Sie auch im Radio zum Hören, im SWR jeden Sonntag, wann?

Walter: 8.45 Uhr, SWR 1, "Pinguin - die Sendung mit Frack". Das mach ich seit sechs Jahren, sind, wie ich finde, sehr schöne, kleine Geschichten.

I. Nommsen: Und nicht nur für Kinder.

Walter: Nein, für Erwachsene, für Großeltern - für alle.

I. Nommsen: Gut, ich bedanke mich sehr, dass Sie hier waren und Sie haben auch wunderbar.

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